Interview zur GKV-Reform: „Wissenschaftlicher Pluralismus ist mehr als ein Nice-to-Have“

Berlin, 2. Juli 2026. Interview mit Carl Classen, Vorstandsmitglied des Verbands Klassischer Homöopathen Deutschlands (VKHD), zu den Plänen der Bundesregierung, Homöopathie und Anthroposophische Medizin als GKV-Leistung zu streichen. 

Frage: Das Solidarsystem soll in Zukunft nur noch für evidenzbasierte Leistungen aufkommen, sagt Ministerin Warken. Ist das ein guter Plan?

Antwort: Der Plan hört sich gut an, er entpuppt sich aber als reiner Populismus. Legt man eine hohe Evidenz den GKV-Leistungen zugrunde, ließen sich mit dieser Idee auf einen Schlag rund 80 Prozent aller Gesundheitsausgaben einsparen.

Eine bekannte Studie von Ebell et al. im BMJ Evidence-Based Medicine hat schon 2017 gezeigt, dass gerade einmal 18 Prozent der medizinischen Leitlinien-Empfehlungen auf konsistenter, hochwertiger und patientenorientierter Evidenz beruhen. Niemand schlägt deshalb ernsthaft vor, die medizinische Versorgung um 80 Prozent zusammenzustreichen. Was mich stört, ist dieses tiefsitzende Narrativ: Auf der einen Seite die angeblich völlig unwissenschaftliche Komplementärmedizin, auf der anderen die vermeintlich strikt wissenschaftsbasierte Leitlinien-Medizin.

Frage: Kann durch das Streichen der Homöopathie eine Finanzlücke der GKV geschlossen werden?

Antwort: Nein, die Einsparungen liegen im Promillebereich – wenn überhaupt. Wir erwarten eher das Gegenteil: Die Effekte dürften nach hinten losgehen. Wenn Patientinnen und Patienten unbehandelt bleiben oder auf teurere konventionelle Therapien ausweichen, steigen die Kosten. Zudem fällt die Selbstwirksamkeit der Betroffenen komplett hintenüber – ein Faktor, der zwar als unspezifisch gilt, aber eng mit individuellen Gesundheitsentscheidungen verknüpft ist. Als Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker entlasten wir das Solidarsystem ohnehin schon, weil unsere Patientenschaft die Behandlungen privat bezahlt. Uns betrifft ein GKV-Ausschluss also nicht primär finanziell. Uns sorgt etwas anderes: Der Verlust des medizinischen und wissenschaftlichen Pluralismus.

Frage: Nun wird der Homöopathie von Kritikern aber genau diese Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Was sagen Sie denen?

Antwort: Homöopathie ist evidenzbasierte Medizin. Sowohl die Grundlagenforschung als auch die klinische Forschung zeigen Ergebnisse, die sich eben nicht mehr mit einer reinen Placebo-Hypothese wegerklären lassen. Die wissenschaftliche Diskussion läuft und dass wir die Wirkprinzipien noch nicht vollends verstehen, darf kein Grund für eine pauschale Ablehnung sein.

Schauen wir uns im Gegenzug doch mal die Evidenz der Finanzkommission Gesundheit an: Deren Empfehlungen beziehen sich inhaltlich auf den sogenannten „2nd Australian Report“. Kurioserweise verweist die Kommission in ihren eigenen Quellen ausgerechnet auf eine Arbeit von Gupta & Mathur aus dem Jahr 2016 – und genau dieser Artikel weist schwerwiegende Fehler in eben diesem australischen Bericht nach! Da spricht die Kommission unfreiwillig gegen ihre eigene Begründung. Das wirft kein gutes Licht auf ihre Sorgfalt. Damit stellt sich die Kommission selbst in Frage!

Frage: Worum geht´s in der Diskussion? Glaube, Ideologie oder Wissenschaft?

Antwort: Es ist völlig gleich, ob man an Homöopathie „glaubt“ oder nicht. Sie braucht keinen Glauben, und diese Frage müsste die Lager nicht spalten. Viel schwerer wiegt, dass die Bedeutung von wissenschaftlichem Pluralismus und Patientenwünschen für eine Demokratie kaum noch verstanden wird.

Pluralismus bedeutet Offenheit, Perspektivenwechsel und methodische Flexibilität – ohne dass man dabei die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit wie Konsistenz und Nachvollziehbarkeit über Bord wirft. In einer rein algorithmen-basierten Leitlinienmedizin wird das Recht des Patienten auf freie Therapiewahl gegenstandslos. Selbst David Sackett, der Begründer der Evidenzbasierten Medizin, hat immer gemahnt, dass neben statistischen Daten zwingend auch die ärztliche Erfahrung und die Präferenzen der Patienten einbezogen werden müssen.

Frage: Also geht es auch um eine gesellschaftspolitische Dimension?

Antwort: Ja. Wissenschaftlicher Pluralismus ist eine tragende Säule einer offenen, demokratischen Gesellschaft und einer freien Geisteskultur. Er ist das Eingeständnis, dass wir eben nicht alles wissen. Politisch heikel wird es immer dann, wenn Expertenräte in offene Diskussionen eingreifen und geistige Vielfalt durch wissenschaftliche Engführung und vorgebliche ökonomische Zwänge verschwindet.

Wenn politische Entscheidungen die Wahlfreiheit der Patientinnen und Patienten plötzlich vom Geldbeutel abhängig machen, sorgt das für einen massiven Vertrauensverlust in unsere Institutionen. Menschen fühlen sich abgehängt. Die Verankerung der „besonderen Therapierichtungen“ im SGB V und im Arzneimittelgesetz war und ist ein bewährter gesellschaftlicher Kompromiss. Wir rufen deshalb die Abgeordneten des Deutschen Bundestags dazu auf: Unterstützen Sie den Erhalt eines pluralistischen Gesundheitswesens und sichern Sie den Status der besonderen Therapierichtungen im Sozialgesetzbuch!

Lieber Herr Claasen, wir danken für das Gespräch.

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2026-07-02T18:45:39+02:00Tags: , , , |

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