Der Glaube an Globuli: „weder neu noch stichhaltig“

Der Glaube an Globuli: „weder neu noch stichhaltig“

Kurios: Ein Professor schreibt ein Buch zur Unwirksamkeit von Globuli – und widerspricht damit seiner eigenen Studie. Diese hatte bereits vor fünf Jahren die Wirksamkeit der Homöopathie bei unterschiedlichen Indikationen festgestellt.

„Dass es keine ausreichenden Belege für eine über Placeboeffekte und Glaube hinausgehende Wirkung der Homöopathie gibt, ist vielfach beschrieben worden“ (S. 87), auf dieser Aussage baut das von dem Bremer Gesundheitswissenschaftler Professor Norbert Schmacke herausgegebene Buch „Der Glaube an die Globuli“ auf. Eine für Schmacke mutige Aussage, da er sich selbst widerlegt. Vor etwa sechs Jahren wurde unter seiner Leitung die Studie „Perspektiven von Patientinnen und Patienten auf ihre Versorgung durch homöopathisch tätige Ärzte und Ärztinnen – Eine qualitative Studie“ veröffentlicht. Darin kommt das Autorenteam zu dem Schluss: „Nach dem derzeitigen Stand der Forschung liegt für die Indikationen Heuschnupfen, Durchfall bei Kindern, Weichteilrheuma, Darmlähmung nach Operation und Atemwegsinfektionen ein Wirksamkeitsnachweis vor.“ Vielleicht stellt diese Studie im Sinne von Herrn Schmacke keinen ausreichenden Beleg dar, aber es gibt ja noch viele weitere Studien, die zu eindeutigen Ergebnissen der Wirksamkeit der Homöopathie kommen.

Schmacke teilt in den von ihm verfassten Beiträgen ordentlich aus. Die Forschung von Prof. Dr. Michael Frass, Universität Wien, wird etwa als dilettantisch (Seite 96) bezeichnet. Prof. Dr. phil. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung und Mitglied des Vorstands des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, erhält den Titel „Haushistoriker der Homöopathie“. Robert Jütte kommentiert Schmacke: „Ton und Stoßrichtung von Schmackes Essay verweisen auf die lange Tradition der Polemiken, die seit dem Erscheinen des Organon im Jahr 1810 die Homöopathiegeschichte kennzeichnen. Seine Argumente sind weder neu, noch stichhaltig.“ Besonders hart zieht Schmacke gegen Dr. med. Jens Wurster ins Feld, der über seine ärztlichen Erfahrungen in der Behandlung von Patienten mit Krebs, auch mit Hilfe der Homöopathie, publiziert. Schmacke wirft Wurster vor, Unterlagen gefälscht zu haben. „Die angeblich von unabhängigen Prüfärzten erstellten Dokumente derartiger Erkrankungsverläufe existieren nicht, …“, heißt es auf Seite 89. Wurster arbeitet eng mit Ärzten der Klinik für Tumorbiologie der Universität Freiburg zusammen und stellt klar: „… bei allen Fällen aus meinem Buch liegen Arztberichte aus Universitätskliniken vor, die von unabhängigen Ärzten auch im Rahmen unserer Studie geprüft wurden.“ (Rostock et al. BMC Cancer 2011, 11:19 http://www.biomedcentral.com/1471-2407/11/19).

Kritische Rezension

Ein ärztliches Autorenteam hat auf dem Blog „Informationen zur Homöopathie“ eine kritische Rezension zu Schmackes Buch veröffentlicht, die Sie hier lesen können. Darin heißt es: „Diese neu erschienene Streitschrift suggeriert dem Leser, dass Homöopathen ‚Alternativmediziner‘ sind, die glauben, schwere Krankheiten wie Schlaganfälle und Krebserkrankungen allein durch Homöopathie zu heilen. Dabei sei die Homöopathie erwiesenermaßen eine Placebotherapie, für die es keine wissenschaftlichen Belege gäbe.“ Die Autoren kommentieren viele Aussagen von Norbert Schmacke und widerlegen sie mit Faktenwissen.

Professor Jütte nimmt Stellung

Zu einigen Vorwürfen von Schmacke hat Medizinhistoriker Jütte direkt Stellung bezogen:

  • Jütte sei ein „Haushistoriker“ (S. 82)

Jütte: „Schmacke behauptet, dass es sogenannte ‚Haushistoriker‘ der Homöopathie gibt. Gleich im nächsten Satz wird Prof. Dr. Robert Jütte erwähnt und damit dem Leser suggeriert, dass dessen Forschungen dieses Etikett verdient. In der Geschichtswissenschaft gibt es die Position des Haus- und Hofschreibers schon längst nicht mehr. Das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, das von Prof. Jütte seit über 25 Jahren geleitet wird, hat sich in mehr als zwei Jahrzehnten weltweit einen Ruf erarbeitet, und zwar in allen Themenbereichen der professionellen Medizingeschichte. Man kann daher diese Bemerkung von Schmacke nur als üble Nachrede bezeichnen.“

  • Der Chinarindenversuch (S. 82)

Jütte: „Schmacke führt den angeblich ‚gescheiterten Selbstversuchs‘ Hahnenmanns mit Chinarinde als Kronzeugenbeweis für irrige Annahmen der Homöopathie an. Hätte Schmacke die gründliche und mit Quellen belegte medizinhistorische Dissertation von Birgit Lochbrunner (Essen 2007) gelesen, so wäre er zu der Erkenntnis gelangt, dass ‚weder bei Hahnemann noch seinen direkten Schülern noch in den nachfolgenden Generationen homöopathischer Ärzte noch bei den Kritikern‘ der Chinarindenversuch eine ‚zentrale Rolle‘ eingenommen hat (Lochbrunner, S. 198) Das Konzept der Arzneimittelprüfung hat Hahnemann zudem erst Jahre nach dem Chinarindenversuch entwickelt. Nach Lochbrunner kann der Chinarindenversuch höchstens als ‚exploratives Experiment im Sinne einer Abduktion‘ verstanden werden. Dieser Erkenntnis wird die Wissenschaftsgeschichte beipflichten, die auch ähnliche Beispiele aus anderen Gebieten der Naturwissenschaft und Medizin kennt.“

  • Der Kochsalzversuch 1835 (S. 83)

Jütte: „Der nun plötzlich als der ‚führende deutsche Homöopathie-Historiker‘ bezeichnete Autor der Hahnemann-Biographie, Prof. Dr. Robert Jütte, hat das angebliche Scheitern nicht verschwiegen, sondern lediglich auf die zukunftsweisende Methode, die damals bereits in diesem Experiment zur Anwendung kann, hingewiesen. Gegner und Befürworter der Homöopathie haben damals, wie heute nicht anders, sich das aus dem Ergebnis herausgesucht, was ihre Sicht der Dinge zu bestätigen schien. Das macht die von Schmacke zitierte medizinhistorische Studie von Michael Stolberg deutlich. Doch das verschweigt Schmacke, weil es seiner Überzeugung, dass die Homöopathie eine Irrlehre sei, widerspricht.“

  • Ein allgemeines Wort noch aus dem Munde des Historikers

Jütte: „Ton und Stoßrichtung von Schmackes Essay verweisen auf die lange Tradition der Polemiken, die seit dem Erscheinen des Organon im Jahr 1810 die Homöopathiegeschichte kennzeichnen. Seine Argumente sind weder neu, noch stichhaltig. Die Homöopathie wird auch diesen Angriff überleben – wenn der Historiker sich in diesem Fall mal als ‚rückwärtsgewandeter Prophet‘ (Schlegel) zu Wort melden darf, sie hat schon schlimmere Attacken erlebt und überstanden. Und im Übrigen sei darauf verwiesen, dass bereits Immanuel Kant in seinem berühmten Essay ‚Was ist Aufklärung?‘ nicht nur die Priester, sondern auch die Ärzte dafür kritisiert hat, dass sie den mündigen Bürger bevormunden. Aufklärung tut daher auch in der Gesundheitswissenschaft not, vor allem, wenn sie aus Bremen kommt.“

 

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