Medizin jenseits der Selbstbeschränkung

Medizin jenseits der Selbstbeschränkung

Der Trend ist stabil: Patienten suchen Alternativen zu einer Schulmedizin, die nicht selten als technokratisch und kalt wahrgenommen wird. Fixe Therapieleitlinien und eine fragwürdige Evidenzbasierung führen dazu, dass der beseelte Mensch allzu oft aus dem Blickfeld gerät, wenn Apparate und Labors den Ton angeben. Teilweise horrende therapieinduzierte Nebenwirkungen lassen am Sinn einer schulmedizinischen Behandlung ebenso zweifeln wie die Tatsache, dass sich Patienten nicht selten allein gelassen fühlen, wenn sie als austherapiert gelten oder die universitäre Medizin mit ihrem Latein am Ende ist.

Ein Beitrag von Dr. med. Ulf Riker, Internist und Homöopath aus München

Als Ärztinnen und Ärzte sollten wir die Fortschritte der modernen Schulmedizin ohne Häme anerkennen, wenn es gelingt, durch operative Techniken Leben zu retten oder, wie zum Beispiel bei manchen Formen der Leukämie, lebenswerte Jahre zu ermöglichen. Dies kann für den betroffenen Patienten einer zumindest vorübergehenden Heilung ziemlich nahe kommen. Als Homöopathinnen und Homöopathen steht uns freilich eine Heilmethode zur Verfügung, die jenseits kausalanalytischer Selbstbeschränkung im besten Sinne individuelle Medizin ist. Sie nimmt objektive Befunde und subjektives Befinden als komplementäre Aspekte des Phänomens Krankheit gleichermaßen wahr und ernst und rückt damit den Menschen als unteilbares Wesen wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Dennoch sollten wir uns immer wieder fragen: Kann Homöopathie eine vollwertige Alternative zur Schulmedizin sein? In welchen Fällen gelingt tatsächlich Heilung und wie oft gelingt uns das? Wovon ist dieses Gelingen im Einzelfall abhängig? Wo stoßen wir an unsere Grenzen? Geben wir uns auch damit zufrieden, wenn Homöopathie nur ergänzend zur Schulmedizin zum Einsatz kommt? Kann es nicht höchst segensreich sein, wenn wir mit unseren Arzneien dazu beitragen, die Dosis und damit die Menge an Nebenwirkungen einer erforderlichen allopathischen Behandlung zu minimieren? Darf man geringschätzen, wenn wir in der Begleitung Sterbender nur noch palliativ helfen können?

Diese Fragen berühren nicht selten unser Selbstverständnis als Homöopathen. Halten wir deshalb fest: Auch die Homöopathie stößt, wie alle anderen Medizinsysteme, an Grenzen. Die Krankheit kann, zum Beispiel abhängig von der Lebenskraft des Patienten und seiner miasmatischen Belastung, einen hochakuten, besonders schweren oder komplizierten Verlauf annehmen; Symptome und Zeichen können schwer verwertbar sein oder ganz fehlen; fortgeschrittene Organschäden können einer Heilung entgegen stehen.

Der Patient ist möglicherweise nicht in der Lage, seine Beschwerden und sein Empfinden möglichst genau und vollständig wahrzunehmen und zu beschreiben; vielleicht hindert ihn ein nicht adäquates Selbstbild an der Korrektur schädlicher Verhaltensweisen oder er ist Heilhindernissen in seinem privaten, beruflichen oder sozialen Umfeld ausgesetzt; vielleicht ist auch der Zeitpunkt der homöopathischen Anamnese, der den Weg zur Heilung öffnen kann, nicht optimal gewählt.

Vielleicht ist der homöopathische Arzt aus aktuellen oder persönlichen Gründen momentan nicht in der Lage, seinem Patienten ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen; sein Materia- Medica-Wissen ist für den speziellen Krankheitsfall vielleicht unzureichend; es besteht Unsicherheit in der Wahl der geeigneten Methode zur Analyse des Falles; seine letzte eigene Fortbildung oder Supervision liegt womöglich mehrere Jahre zurück; die Verbindung von schulmedizinischem und homöopathischem Wissen liegt im Argen; oder es gelingt aus unterschiedlichen Gründen nicht, eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre mit dem Patienten herzustellen, die es diesem ermöglicht, sich zu öffnen. Die genannten Faktoren bilden den Rahmen, ob Homöopathie komplementär zum Einsatz kommt oder tatsächlich eine Alternative auf dem Weg zur Heilung sein kann. Der Wunsch des Patienten, „es statt mit Schulmedizin jetzt mit Homöopathie zu versuchen“, darf nicht alleiniges Entscheidungskriterium sein! Wird auf schulmedizinische Maßnahmen verzichtet und gleichzeitig das passende Simile (Simillimum) nicht gefunden, dann bleibt der Patient de facto ohne wirksame Therapie, schlimmstenfalls mit fatalen Folgen!

Egal, ob Homöopathie komplementär, also ergänzend und begleitend zur Schulmedizin, oder alternativ und ausschließlich zum Einsatz kommt, erfordert verantwortungsvolles ärztliches Handeln eine kritische (und selbstkritische!) Erfolgskontrolle: Hat die Arznei dem Patienten gut getan oder hat sie die Krankheit geheilt? Bei Krankheiten, die durch objektive Befunde charakterisiert sind, ist zu fordern, dass sich nicht nur die Befindlichkeit des Patienten bessert, sondern dass auch die Befunde eindeutig besser werden. Erst dann ist Hahnemanns Zielvorgabe erreicht, „kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt“.

Ob Homöopathie also komplementär oder alternativ zur Schulmedizin zum Einsatz kommt, hängt von unserer schulmedizinischen und homöopathischen Erfahrung, unserer Arzneikenntnis, unserer Methodensicherheit und der Frage ab, wie souverän wir als homöopathische Therapeuten mit den allfälligen Begrenzungen unseres Heilsystems umzugehen in der Lage sind. Erfolg ist das Ergebnis leidenschaftlicher und zielstrebiger Arbeit.

 Foto: DZVhÄ

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