Prof. Harald Walach: „Wissenschaft als Entdeckungsreise – mein Begriff von Wissenschaft“

Prof. Harald Walach: „Wissenschaft als Entdeckungsreise – mein Begriff von Wissenschaft“

Wissenschafts-Magazine, -Sendungen und -Medien erlebten in den letzten Jahren einen großen Aufschwung. Das öffentliche Interesse an Forschung und neuen Erkenntnissen ist groß. Die teils inflationäre Nutzung des Begriffs „Wissenschaft“ garantiert allerdings weder Methodik noch Wissen. Nicht selten driftet Wissenschafts-Journalismus in naiven Szientismus voller neopositivistischer Vorurteile ab. Wissenschaft wird hier als ein quasidogmatisches System verstanden, in dem es fest in Beton gegossene Regeln, starre Grundsätze und unumstößliche Gegebenheiten gibt. Moderne und neuere Ansichten betrachten Wissenschaft jedoch vielmehr als einen hochkomplexen sozialen Vorgang, im Rahmen dessen es Interessen, Ressourcen und Meinungsbildungsprozesse gibt. Im folgenden Beitrag stellt der in Grenzbereichen der Wissenschaft tätige klinische Psychologe, Wissenschaftshistoriker und Philosoph Harald Walach sein Verständnis von Wissenschft dar.

Harald Walach Wissenschaft

Dieser Artikel wurde dem Buch „Wege zur Wissenschaft“ von Hamid Reza Yousefi, Klaus Fischer, Rudolf Lüthe, Peter Gerdsen (Hrsg.), 375-401, Traugott Bautz, Nordhausen 2008 entnommen. Copyright: Verlag Traugott Bautz. Informationen zur Person Harald Walach finden Sie ganz unten auf dieser Seite.

Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach: „Wissenschaft als Entdeckungsreise – mein Begriff von Wissenschaft“

Zusammenfassung:

Im vorliegenden Aufsatz wird ein Wissenschaftsbegriff aus der Sicht und langjährigen Erfahrung eines vor allem mit wissenschaftlichen Grenzfragen befassten Forschers skizziert. Wissenschaft wird vom Verfasser entgegen eines verbreiteten naiv-dogmatischen Verständnisses nicht als geschlossenes Regelsystem, sondern als notwendig offener und wandlungspflichtiger Prozess verstanden. Kritik wird als wesentliches Merkmal von Wissenschaft hervorgehoben, die vom Verfasser nicht als fertiges System, sondern als ein zutiefst sozialer Prozess gesehen wird: Wissenschaft wird als ein kollektives Spiel verstanden, das seine Regeln durch das Spielen selber erfindet, verändert und dadurch das eigene Gepräge laufend anpasst.

Gute Wissenschaft wird als die institutionalisierte Unsicherheit verstanden. Wissen kann kumulativ sein, indem es sich durch Kritik differenziert, Neues entdeckt, neue Hinsichten auf alte Tatbestände entfaltet und Bereiche integriert, die vorher nicht denkbar waren, weswegen eine dogmatische Wissenschaftsauffassung als einziger Feind von echter Wissenschaft und wirklichem Wissen zu betrachten ist. Der Verfasser vertritt die Ansicht, dass Phänomene vor Theorien gehen, auch wenn die merkwürdige Dialektik nicht abgestritten werden kann, dass Phänomene nur durch die Brille einer guten Theorie wahrgenommen werden können. Abschließend wird die Denkfigur der Komplementarität als wissenschaftstheoretisches Integrationsprinzip vorgestellt.

Was macht Wissenschaft aus?

Wer sich wie ich vor allem mit Grenzfragen der Wissenschaft herumschlägt – Erforschung und Theoriebildung der Homöopathie, Evaluation von Komplementärmedizin, Forschung im Bereich der Parapsychologie, des geistigen Heilens, klinische und psychologische Forschung zur Achtsamkeit, theoretische Fragen der Spiritualität und des Bewusstseins –, der wird vom Wissenschaftssystem laufend mit der Frage nach der „Wissenschaftlichkeit“ seines Tuns konfrontiert. Damit verbunden ist die Frage danach, was Wissenschaft eigentlich ausmacht.

Ich bin im Laufe meiner nun etwa 20jährigen Laufbahn mit vielen verschiedenen Begriffen von Wissenschaft konfrontiert worden. Sie lassen sich in zwei grobe Kategorien einteilen: Begriffe, die Wissenschaft als geschlossenes Regelsystem verstehen, und solche, die Wissenschaft als offenen Prozess deuten. Ich fühle mich dieser letzten Kategorie verbunden. Meine private, in meinem kleinen Wissenschaftstheorie-Lehrbuch für Psychologiestudenten zum ersten Mal veröffentliche Definition von Wissenschaft ist diese (2):

Wissenschaft ist ein kollektiver Versuch, die Welt in der wir leben, besser zu verstehen, Einsichten darüber zu erlangen und sich dabei nach Möglichkeit durch methodische Sicherungen vor Irrtum zu schützen.

Harald Walach Wissenschaft

Voraussetzungen

Ich mache dabei, wie der kritische Leser bemerkt haben wird, einige entscheidende Voraussetzungen:

Eins

Die Existenz einer von uns unabhängigen Welt

1. Die erste Voraussetzung ist die, dass es so etwas wie eine von uns unabhängige Welt überhaupt gibt. Damit ist also jedem radikalem solipsistischen oder konstruktivistischem Gedanken abgesagt. Das heisst nicht, dass nicht unsere Wahrnehmung, individuell und kollektiv, jede Menge konstruktiver Akte vollzieht, bevor wir irgendetwas wahrnehmen. Insofern ist der Kantsche kritische Impuls, dass unser Zugang zur Welt immer ein vermittelter ist – durch Kategorien, oder Wahrnehmungsvoraussetzungen – immer noch gültig. Aber es ist nicht sinnvoll, jeden objektiven Zug unserer Welt zu bestreiten und alles als Konstruktion, Narration oder individuellen Standpunkt abzutun (3). Flugzeuge fliegen – meistens – nicht weil wir das so wollen, sondern weil es offenbar Gesetzmäßigkeiten gibt, die zu entdecken sich lohnte und zur Konstruktion von fliegenden Riesenvögeln aus Metall führen konnten. Ich setze also einen milden Realismus voraus.

Die Spannung zwischen Konstruktivismus und Realismus

2. Dieser Sachverhalt wurde oftmals dazu verwendet so zu tun, als wäre die objektive Realität „dort draussen“ alles, was zählt. Viele, vor allem ältere Wissenschaftsbegriffe, von Duhem bis zu den Positivisten des Wiener Kreises, bis heute, sind von diesem objektiven Realismus der Physik geprägt. Dieser übersieht, was im Prinzip bereits durch die aristotelische Psychologie, aber ganz dezidiert durch Kant eingebracht wurde: dass wir nie einen naiv-abbildenden Zugang zur Wirklichkeit haben. Unsere Wahrnehmung ist immer irgendwie und oft in erheblichem Maße Konstruktion. Ich finde es erfreulich, dass die moderne Neurowissenschaft zusammen mit der Kognitionspsychologie diese Voraussetzungen unserer Wahrnehmung so deutlich aufgezeigt hat (4).

Leider sind diese Befunde innerhalb der Psychologie – meinem Herkunftsfach –, aber sicherlich auch anderswo, noch lange nicht verinnerlicht. Sonst würde man nämlich nicht in der Methode einem banalen Positivismus der übelsten Sorte frönen, der wenn es hoch kommt, ein bisschen durch kritischen Rationalismus und Poppersche Positivismuskritik gemildert wird. Hier leistet der Konstruktivismus einen unschätzbaren Beitrag. Er weist uns nämlich auf diese unsere Voraussetzungen hin.

Die Kunst ist es, diese beiden Elemente des Realismus, der von der Wirklichkeit und Bedeutung einer von uns teilweise unabhängigen Welt ausgeht, und des Konstruktivismus, der die Unmöglichkeit eines unvermittelten, naiven Zugangs zur Welt betont, zusammenzubringen und gemeinsam aktiv zu halten, obwohl sie anscheinend widersprüchliche Zugänge zur Welt sind. Diese Situation, anscheinend sich ausschließende Sichtweise oder Perspektiven zu benötigen, scheint mir im übrigen kennzeichnend für uns Menschen und vielleicht für die Grundstruktur der Welt zu sein (5).

Subjekt der Wissenschaft ist die „scientific community“

3. Die dritte Voraussetzung die ich mache, betrifft das Subjekt der Wissenschaft. Das Objekt der Wissenschaft ist die Welt. Wer aber ist das Subjekt? Wer „wissenschaftet“? Ist es der Wissenschaftler, der eine Entdeckung macht, ein Experiment durchführt, einen wegweisenden Aufsatz publiziert? Ja und nein. Ja insofern, als die einzelne Person im Rahmen der Wissenschaft natürlich die Einheit der Handlung darstellt. Zwar sind vor allem in der Naturwissenschaft und überall, wo es um komplexe Zusammenarbeit geht, meistens große Arbeitsgruppen am Werk. Aber an erster Stelle einer Publikation kann immer nur einer stehen. Auch Nobelpreise werden in der Regel an Einzelpersonen, manchmal an zwei Individuen vergeben, die sich um eine Thematik besonders verdient gemacht haben.

Dennoch ist das Subjekt der Wissenschaft als solche nicht die Einzelperson. Das Subjekt der Wissenschaft ist das Kollektiv, die „scientific community“, wie es auf Neudeutsch so treffend heißt. Was ist damit gemeint? Wissenschaft ist ein sozialer Prozess. Und als solcher unterliegt er den Gesetzmässigkeiten und den chaotischen Prozessen, denen soziale Systeme im Allgemeinen und Wissenschaft im Besonderen unterworfen sind. Zwar sind Einzelpersonen, Individuen, gleichsam die Agenten und Knotenpunkte in diesem sozialen System. Aber sie können nur im Rahmen des Ganzen agieren. Sie müssen sich, auf jeden Fall in gewissem Masse und in Grenzen, an die Bedingungen anpassen, die vom Forscherkollektiv gesetzt sind (6).

vier

Es gibt keine immerwährenden methodischen Regeln

4. Schließlich mache ich die Voraussetzung, dass es keine immerwährenden, unumstösslichen methodischen Regeln gibt. Ich bin fest, ja leidenschaftlich, der Meinung, dass eine Wissenschaftshaltung, die meint, es gäbe ein für allemal feststehende Grundsätze, wie „man“ Wissenschaft zu betreiben habe, der größte Feind echter und guter Wissenschaft ist. Denn

Wissenschaft hinterfragt kritisch – fortwährend

5. es ist das Wesen der Wissenschaft, vermeintliche Sicherheiten zu hinterfragen, anscheinende Gewissheiten zu entlarven, Dogmen umzustürzen. Wenn es eine Konstante durch die Zeiten gibt, dann ist es die der radikalen Kritik (7), die Wissenschaftsströmungen verschiedener Couleur und Autoren unterschiedlicher Stoßrichtung miteinander verbindet. Was heutzutage gerne übersehen wird ist die Tatsache, dass Wissenschaft nicht im voraussetzungsfreien Raum operiert. Sie macht sich die Voraussetzungen der jeweiligen Kultur zu eigen. Sie baut auf diese auf und setzt sie stillschweigend voraus. Wenn sie diese Voraussetzungen nicht mehr kritisch reflektiert, gerät Wissenschaft in die Gefahr zu erstarren.

Selbstverständlich kann man nicht immer von jedem einzelnen Wissenschaftler erwarten, dass er seine Voraussetzungen dauernd reflektiert und kritisiert. Aber von der Wissenschaft als Kollektivunternehmung müssen wir dies verlangen, und vom einzelnen Wissenschaftler müssen wir erwarten dürfen, dass er für diesen Aspekt seiner Profession sensibel ist und die wichtigsten Entwicklungen auf diesem Feld der Meta-Reflexion über Wissenschaft zur Kenntnis nimmt.

In diesem Sinne ist Wissenschaft immer schon Dogmenkritik gewesen, Kritik an verkarsteten Lehrmeinungen, an sklerotischen Modellen. Dies ist das Erbe der Aufklärung, mit dem sich die Wissenschaft zum Verbündeten der politisch-bürgerlichen Befreiungsbewegung von politischen und religiösen Fesseln gemacht hat. Paradoxerweise hat heute, mindestens bei manchen, die Wissenschaft eine Stellung eingenommen, wie sie früher die Religion hatte. Es gibt „heilige Kühe“, die nicht mehr hinterfragbar sind, ohne dass man mit Schwierigkeiten rechnen muss. Dies ist eigentlich gegen den ureigensten kritischen Geist der Wissenschaft. Wenn Wissenschaft dergestalt degeneriert ist, dann ist es nicht mehr Wissenschaft als eine Entdeckungsmethode, sondern dann ist Wissenschaft zur Weltanschauung, ja zum Religionsersatz geworden. Husserl und Heidegger haben diese Zerrform der Wissenschaft als Szientismus gebrandmarkt (8). „Echte“, also kritische und selbstkritische, Wissenschaft, hat in diesem Sinne sehr viel gemeinsam mit jenem ikonoklastischen Geist, der uns aus manchen Zenparabeln, Anekdoten oder Sprüchen mystischer Schriftsteller, oder einfach großartiger Geister entgegenweht.

Wissenschaftler sind auch nur Menschen …

6. Warum gibt es dann so viele offenbar relativ erfolgreiche Wissenschaftler, die diesen kritischen, selbstkritischen Geist anscheinend nicht verkörpern, sondern brav innerhalb des Geheges dessen operieren, was sie für die „richtige Wissenschaftlichkeit“ ansehen? Dies ist eine spannende Frage. Man kann sie wohlwollend beantworten und sagen: weil es eben auch solche geben muss, die die Arbeit tun, ohne viel zu fragen, sonst würde nämlich die Arbeit nicht verrichtet werden. Oder man kann ein bisschen miesepetriger und schopenhauerisch werden und sagen: weil manche Menschen eben nur ein gewisses Maß an Unsicherheit aushalten und weil unser Ausbildungs- und Selektionssystem dergestalt ist, dass es zu viele dieser Gestalten selektiert (9).

 

1. Realismus und Konstruktion

Das Objekt der Wissenschaft, sagte ich, ist die Welt. Was ist damit gemeint? Zum einen ist Welt offenbar alles, was uns umgibt. Die Natur im Großen und Kleinen. Aber auch unsere Kultur. Unsere geschichtlich-politische Situation. Damit sind bereits zwei anscheinend sich ausschließende Elemente angesprochen. Die Natur, die biologische Seite unserer Existenz, unsere Genetik, unsere evolutionsbiologische Geschichte, usw., also alles, was in der Vergangenheit dazu beigetragen hat, dass wir und unsere Welt heute so sein können.

Andererseits lässt sich dieses Gewordensein unserer Welt ohne die Kultur nicht verstehen. Kultur besteht offenkundig im aktiven Eingreifen des Menschen in die natürlichen Prozesse. Bereits Tiere schaffen im übrigen anfängliche Kultur, wie sich herausgestellt hat. Sie verändern ihre Umwelt durch ihr Nahrunssuchverhalten. Elefanten legen Friedhöfe an, Schimpansen und andere Primaten haben Stellen, an denen sie Werkzeuge zurichten. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass durch die Entwicklung des Menschen ein Wesen auf den Plan tritt, das diesen aktiven Veränderungsprozess noch weitertreibt.

Wir erfahren gerade heute, wie durch unser aktives Handeln sogar die natürlichen Voraussetzungen für unsere Existenz entscheidend verändert, ja bedroht werden. Insofern sind Natur und Kultur untrennbar miteinander verwoben. Die Kultur von uns Menschen ist dem Evolutionsprozess der Natur geschuldet und daher selber Natur. Wissenschaft ist der Selbstreflexionsprozess der Natur, die im Menschen Spiegel, Speer und Spaten zugleich erzeugt hat. Unsere Wissenschaft ist der kollektive, System und Gestalt gewordene Erkenntnisprozess, den die Natur durch die Evolution selber in Gang gesetzt hat. An dieser Stelle fühle ich mich meinem wissenschaftstheoretischen Lehrer Erhard Oeser verbunden, der diesen Gedanken für mein Gefühl unschlagbar klar formuliert hat (10).

Harald Walach Wissenschaft

Insofern hat der Realismus, den ich anspreche, eine Doppelgestalt. Auf der einen Seite gibt es „die Natur“ „da draußen“, unabhängig von uns. Sie hat uns, als Gattung, entstehen lassen, aufgrund der in ihr waltenden Gesetzmäßigkeiten. Wir selber sind bewusstgewordene Natur. Auf der anderen Seite ändern wir, die wir Kultur gewordene Natur sind, mit dieser von uns entwickelten Kultur die ursprüngliche Natur. Was wir also entdecken, ist „immer schon“ Natur in einer gewissen Hinsicht. Insofern ist also die vermeintliche Dichotomie „Realismus oder Konstruktivismus“ Unfug. Es gibt keine konstruktionsfreie Realität, und es gibt keine realitätsleere Konstruktion. Jede Konstruktion ist notwendigerweise aus natürlich-kultureller Realität kommend, und jede Realität ist nur als konstruierte gegeben (11). Wären wir Fledermäuse, würden wir Ultraschall hören. Wären wir Bienen, könnten wir ultraviolettes Licht sehen. Wären wir Hunde, hätten wir einen Geruchssinn von vielfacher Feinheit. Wären wir Elefanten, könnten wir uns manche Kommunikationsmittel sparen, weil wir mit Infraschall über massive Hindernisse hinweg kommunizieren könnten. Wären wir Haifische, könnten wir die elektrischen Felder unserer Mitmenschen orten. So aber haben wir genau den Rahmen der Sinnesmöglichkeiten, der uns biologisch gegeben ist. Er macht unsere Welt aus.

Nun hat der kollektive Prozess der Wissenschaft dazu geführt, dass wir unsere Sinne immens erweitern konnten. Wir können durch machtvolle Geräte hinaus in die Weite und hinein ins Kleine sehen. Wir können uns Modalitäten eröffnen, für die wir nicht wirklich Sinneskanäle haben. Unsere biochemischen und zellbiologischen Assays können uns Geschichten über Toxizitiät und molekularen Einfluss erzählen, die wir nie und nimmer ohne sie erfahren würden. Erst aufgrund unserer zellbiologischen Modelle wissen wir um die Giftigkeit von Quecksilber (12).

[Anmerkung der Redaktion: siehe zum Thema Gesundheitsrisiko Quecksilber und Amalgam auch die aktuelle Übersichtsarbeit von Joachim Mutter et al. Publikation (PDF),Blog-Kommentar]

Wenn wir in unserer Umwelt damit konfrontiert werden, etwa wenn ein Quecksilberthermometer zerbricht, spüren wir weder, wie giftig es ist, noch schmecken wir etwas, noch bekommen wir unmittelbare Vergiftungssymptome, obwohl das Quecksilber eines Thermometers ausreicht, einen ganzen Raum mit Quecksilbermolekülen zu füllen und eigentlich auch ausreicht, einem Menschen eine potenziell tödliche Vergiftung beizubringen. Unsere natürlich gegebenen Sinne reichen nicht dazu aus, hier die Natur – das Quecksilber und seine Giftigkeit – richtig wahrzunehmen. Erst unsere kulturell erweiterte Wahrnehmungsmöglichkeit „konstruiert“ oder „reproduziert“ die Giftigkeit des Quecksilbers und lässt sie an den Tag treten.

Natur und Kultur, Realität und Konstruktion sind also aufs Innigste verwoben. Wir können nur dann die Realität „entdecken“, d.h. so wahrnehmen, dass wir ihren Wirklichkeitsanteil entblößen, wenn wir uns gleichzeitig der konstruktiven Aspekte unseres Tuns bewusst sind. Und letzteres können wir nur tun, indem wir uns immer wieder der Selbstreflexion unterziehen und selbst, individuell und kollektiv, die Voraussetzung unseres Handelns hinterfragen. Jacques Derrida hat einmal in einem Interview, in dem er nach dem Wesen der Dekonstruktion, also des Aufdeckens unbewusster Erkenntnisvoraussetzungen, gefragt wurde, sinngemäss folgendes gesagt (13): Ich schaue fern, und schaue mir beim Fernsehschauen zu.

Wissenschaft ist nicht einfach nur das Anwenden von Methoden zum Entdecken irgendwelcher natürlicher Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten. Es ist auch nicht einfach das Rekonstruieren narrativer Bezugsrahmen von Erfahrung. Es ist immer beides zugleich: das methodische Bezogensein auf eine außerhalb von uns gegebene Natur und die Reflexion auf die Voraussetzungen und Bedingungen dieses Bezogenseins, Natur und Kultur und die Reflexion auf ihre jeweilige, interdependente wechselseitige Verflochtenheit.

Fortsetzung folgt …

In Teil 2 geht es um Wissenschaft als sozialer Prozess , in dem sich Regeln im Verlaufe der Zeit verändern und entwickeln.

Literatur:

(1) Ich bin Jochen Fahrenberg zu Dank verpflichtet, dass er mir die Möglichkeit gab, seine Wissenschaftstheorievorlesung für Psychologiestudenten zu übernehmen und so die Reflexion über Wissenschaft über einige Jahre hinweg zu meinem Nebenberuf zu machen. Ebenso bin ich den Freiburger Psychologiestudenten zu Dank verpflichtet, die mich durch Fragen und Rückmeldungen zwangen, so präzise wie möglich zu werden. Ob es mir am Ende gelungen ist, ist eine andere Frage. Das meiste, was ich über Wissenschaft direkt oder indirekt gelernt habe, habe ich von meinem wissenschaftstheoretischen Lehrer Erhard Oeser gelernt, dessen historische und systematische Schriften mir eine reiche und wertvolle Quelle waren. Meine Arbeit wird unterstützt vom Samueli Institute, Alexandria, VA.

(2) Walach, Harald: Psychologie: Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte. Stuttgart, Kohlhammer 2005.

(3) Lyotard, J.-F.: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Graz, Böhlau 1986.

(4) Roth, G.: Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Frankfurt, Suhrkamp 1997.

(5) Walach, Harald & Römer, Hartmann: “Complementarity is a useful concept for consciousness studies. A reminder”. Neuroendocrinology Letters 2000;21:221-232.

(6) Latour, Bruno: Die Hoffnung der Pandora: Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaften. Frankfurt, Suhrkamp 2000.

(7) Flasch, K.: Aufklärung im Mittelalter? Die Verurteilung von 1277. Das Dokument des Bischofs von Paris. Eingel., übers. und erkl. v. K. Flasch. Mainz, Dieterich 1989.

(8) Husserl, Edmund: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Philosophie. Hamburg, Meiner 1977.

(9) Fischer, Klaus: „Fehlfunktionen der Wissenschaft“. Erwägen, Wissen, Ethik 2007;18:1-16.

(10) Oeser, E. (1988). Das Abenteuer der kollektiven Vernunft. Evolution und Involution der Wissenschaft. Berlin, Hamburg: Parey.

(11) Slunecko, Thomas: Wissenschaftstheorie und Psychotherapie. Ein konstruktiv-realistischer Dialog. Wien, Wiener Universitätsverlag 1996; Wallner, F. G.: „Das Bewusstsein – eine abendländische Konstruktion“. In T. Slunecko, O. Vitouch, C. Korunka, H. Bauer & B. Flatschacher (Hrsg.), Psychologie des Bewusstseins – Bewusstsein der Psychologie. Giselher Guttmann zum 65. Geburtstag. Wien, Wiener Universitätsverlag 1999, pp. 201-218.

(12) Mutter, J., Naumann, J., Sadaghiani, C., Schneider, R., & Walach, H.: „Alzheimer disease: mercury as pathogenetic factor and apolipoprotein E as a modulator”. Neuroendocrinology Letters 2004;25:275-283; Mutter, J., Naumann, J., Walach, H., & Daschner, F.: „Amalgam: Eine Risikobewertung unter Berücksichtigung der neuen Literatur bis 2005“. Gesundheitswesen, 2005;67:204-216.

[Nachtrag der Redaktion: Mutter, J., Curth, A., Naumann, J., Deth, R., & Walach, H. (2010). Does inorganic mercury play a role in Alzheimer s disease? A systematic  review and an integrated molecular mechanism. Journal of Alzheimer s  Disease, 22, 357-374.]

(13) Benedikter, Roland: Postmodern spirituality: how to find a rational alternative to the global turn to religion; educational dimensions, developments and perspectives. Promotionsschrift, Universität Innsbruck, Innsbruck 2006.

Über Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach

Der klinische Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker Harald Walach ist Professor für Forschungsmethodik komplementärer Medizin und Heilkunde an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Walach ist Chefredakteur des renommierten Journals Forschende Komplementärmedizin und gilt in Fachkreisen als Forscherpersönlichkeit mit einem exzellenten internationalen Ruf. Er wird in der amerikanischen Zeitschrift „Explore“ (Vol. 3, No. 3, 2007), von ihrem Executive Editor, Larry Dossey, als „einer der herausragendsten europäischen Forscher auf dem Gebiet der Komplementär- und Alternativmedizin“ bezeichnet. Sein internationales Ansehen auf dem Gebiet der CAM-Forschung zeigt sich u.a. darin, dass er Gründungsmitglied und Past-Präsident der „International Society for Complementary Medicine Research“ ist – einer internationalen Fachgesellschaft, in der mehr als 250 aktive Forscher zusammengeschlossen sind.

Publikationen (PDF)

Masterstudiengang „Komplementäre Medizin – Kulturwissenschaften – Heilkunde” (KMKH)“ an der Europa-Universität Viadrina

Bildquelle Beitragsbild: ©jaymantri.com

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