Prof. Harald Walach korrigiert Markus C. Schulte von Drach (Sueddeutsche.de)

Prof. Harald Walach korrigiert Markus C. Schulte von Drach (Sueddeutsche.de)

Publikumsmedien sind keine wissenschaftlichen Journale. Aus diesem Grund darf man auch nicht zu hohe Ansprüche stellen, wenn sich eine angesehene Tageszeitung wie die Süddeutsche Zeitung in die Tiefen einer wissenschaftlichen Kontroverse hineinwagt. Allerdings darf man von einem Leitmedium wie der Süddeutschen Zeitung durchaus erwarten, dass ihre Redaktion zumindest grundlegende Aussagen prüft und sie uns nicht (im übertragenen Sinne) Volkswagen als führenden Hersteller von Spielzeugautos präsentiert. Aus meiner Sicht hat Redakteur Markus C. Schulte von Drach etwas Vergleichbares gemacht, als er den Artikel „Homöopathie ist ein reiner Placeboeffekt“ für Sueddeutsche.de verfasste. Homöopathen berufen sich „häufig auf den Mediziner Klaus Linde und den Quantenphysiker Anton Zeilinger“ lässt Markus C. Schulte von Drach seine Leser wissen. Das ist eine seltsame Behauptung, die einer genauen Prüfung nicht standhält und die von jenen Fragen, die in der Scientific Community aktuell diskutiert werden, komplett ablenkt. Zwei grobe Fehler korrigierte Prof. Walach bei CAM Media.Watch.

Walach, Schulte von Drach

„Knapp daneben, aber mitten ins Ziel“

„Eine der genialsten Anleitungen, wie man auf jeden Fall ans Ziel kommt, auch wenn man weit an ihm vorbeigeschossen ist, kann man in Eckhart von Hirschhausens Buch „Das Glück kommt selten allein“ finden, in der Hardcover Ausgabe auf Seite 36, wenn ich mich recht erinnere. Es handelt sich dabei um einen Bastelbogen. Er zeigt eine Dart-Zielscheibe zum Ausschneiden. Die Anleitung sagt, man solle einen Pfeil irgendwohin schießen, wo er stecken bleibt, dann die Zielscheibe ausschneiden, und drum herum kleben, möglichst mit dem Pfeil im „Bull’s Eye“. Und zack, fertig ist der Treffer!“ Mit diesen Worten leitet der klinische Psychologe Prof. Dr. Dr. Harald Walach, Chefredakteur des Journals Forschende Komplementärmedizin und eine bedeutende Forscherpersönlichkeit auf dem Gebiet der Alternativ- und Komplementärmedizin, einen kritischen Blogbeitrag ein, der zwei Missverständnisse von Markus C. Schulte von Drach korrigiert:

1. Fehler – „Schwache Quantentheorie“:

Das eine Missverständnis ist verzeihlich. Markus C. Schulte von Drach hatte den Eindruck erweckt, Walach würde die Homöopathie durch das Prinzip der Quantenteleportation außerhalb strikter Quantensysteme erklären. Die zur sog. Schwachen Quantentheorie publizierten diversen wissenschaftlichen Arbeiten (z. B. in Foundations of Physics, 2002 oder in einer (Open Access) Sondernummer der peer-reviewten Online-Philosophiezeitschrift Axiomathes, 2011) sind schwere Kost und es ist anzunehmen, dass Markus C. Schulte von Drach die Arbeiten nie gelesen hat. Für einen Wissenschaftsjournalisten sehr ungewöhnlich ist allerdings der Sachverhalt, dass sich der Mitarbeiter der SZ-Redaktion kritisch zu Harald Walach äußert, ohne mit ihm Kontakt aufgenommen zu haben. Im SZ-Wissenschaftsressort von Werner Bartens ist das nun schon der zweite grobe Schnitzer dieser Art. 2010 hatte SZ-Redakteur Sebastian Herrmann einen Artikel über den Studiengang von Herrn Walach an der Europa-Universität Viadrina veröffentlicht, der in wesentlichen Teilen Falschinformationen enthält. Auch Sebastian Herrmann fand nicht die Zeit, jene Person zu kontaktieren, die Gegenstand eines kritischen und schlampig recherchierten Berichts wurde.

2. Fehler – Klaus Linde und Shang et al. 2005:

Das andere Missverständnis kann ich schwer nachvollziehen, weil es hier um eine Thematik geht, die sich fachfremde Journalisten relativ schnell aneignen können, wenn sie ein klein wenig recherchieren, konzentriert lesen und aufmerksam zuhören. Wie nur kommt Markus C. Schulte von Drach zu der haarsträubenden Behauptung, Homöopathen würden Dr. med. Klaus Linde als Kronzeugen für die Wirksamkeit der Homöopathie aufführen. Richtig ist, dass der Medizinforscher im Kontext Homöopathie und Forschung zitiert wird. Linde wird hier jedoch in Hinblick auf einen ganz anderen Aspekt zitiert, der von Markus C. Schulte von Drach unter Sueddeutsche.de komplett unterschlagen wurde: Die kontroverse Diskussion der heterogenen Forschungsergebnisse zur Frage, ob homöopathische Arzneimittel einen spezifischen über Placebo hinausgehenden Effekt haben. Und was diese Frage angeht, sagt Dr. med. Klaus Linde z. B. im 2008 publizierten „Kursbuch Homöopathie“:

Walach, Schulte von Drach

Die bisherigen systematischen Übersichtsarbeiten, die die Ergebnisse der placebokontrollierten Studien zusammenfassen (Kleijnen 1997, Linde 1997, Shang 2005), zeigen kein einheitliches Ergebnis, so dass die Frage nach der Überlegenheit homöopathischer Arzneimittel über Placebo noch nicht abschließend geklärt ist.

Quelle: K. Linde, C. M. Witt in „Kursbuch Homöopathie“, 2008, S. 318

Das ist exakt das Gegenteil der von Markus C. Schulte von Drach gewählten Überschrift „Homöopathie ist Placeboeffekt“. Nun stammen viele Inhalte des „Kursbuch Homöopathie“ aus dem Jahr 2006 und entsprechen nicht mehr dem Forschungsstand des Jahres 2012. Auch der Artikel in der Süddeutschen Zeitung bezieht sich auf Arbeiten, die vor 5 bis 9 Jahren erstellt wurden. Prof. Walach fragt daher auch zu Recht:

„Was eigentlich ist der konkrete Anlass für diesen Artikel? Normalerweise gibt es ja immer irgendeinen mehr oder weniger aktuellen Anlass, wenn Journalisten schreiben. Der hier zugrunde liegende Anlass muss in der finsteren Vergangenheit gesucht werden. Die Arbeiten, auf die sich Schulte von Drach in seinem Artikel bezieht, sind 2003, 2005 und 2007 publiziert worden – das heißt vor 5 bis 9 Jahren. Wichtige neuere Arbeiten, in denen die Diskussion um die Homöopathie von Wissenschaftlern aufgegriffen oder weitergeführt wurde, fehlen. Fast wollte man meinen, der SZ-Redaktion sei ein fünf Jahre alter Text bei der Jahresinventur in die Finger gekommen, der grad noch auf eine leere Seite passt.“

Aktuellere Informationen:

Interessieren Sie sich für die Frage, welches wissenschaftliche Meinungsspektrum es in der Homöopathie-Forschung gibt, so finden sie hier eine Zusammenfassung von Björn Bendig, die den Stand des Jahres 2010 berücksichtigt.

Beitragsbild: ©Flickr

Links zum Thema:

Tendenziös: Werner Bartens und das Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung. Mehr Qualität ist möglich!

 Kritischer Blogbeitrag über das Verhältnis von Herrn Schulte von Drach zu Prof. Edzard Ernst und den Verdacht geschönter Berichterstattung

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