„Das Leben ist kurz und muss spannend bleiben“ – Interview mit Robert Müntz

„Das Leben ist kurz und muss spannend bleiben“ – Interview mit Robert Müntz

Robert Müntz ist Pharmazeut, Homöopath und forscht im Regenwald und anderen entlegenen Gebieten nach Wirkstoffen für die Homöopathie. Im Interview spricht er über nützliche und unnütze Globuli, Wildwassererfahrungen am Amazonas, den schmerzhaften Biss der 24 Stunden Ameise – und warum die Expeditionen im Auftrag der Homöopathie faszinierend sind.

Herr Müntz, Sie sind Pharmazeut. Wie sind Sie zur Homöopathie gekommen?

Ich habe einen ganz pragmatischen Zugang zur Homöopathie gefunden. In meinem Studium der Pharmazie in Wien habe ich nichts zum Thema Homöopathie gehört und gelernt, bis auf ein Nachmittagsseminar zur Verreibung und Verschüttelung. Am Ende des Studiums war ich allerdings schon Vater eines einjährigen Sohnes. Und der war immer wieder krank. Einmal hat unser Hausarzt – ein Mann mit einer glücklichen Hand und einer Homöopathenausbildung – ihm ein Konstitutionsmittel verschrieben. Und mein Kind war schlagartig gesund. Er war hochrot, fiebernd und hat gewimmert im Bett. Am Tag nach der Mittelgabe ist er dann glücklich baden gegangen. Und das hat mir und meiner Frau, die auch Pharmazeutin ist, gezeigt, dass an der Homöopathie was dran ist. Auch wenn wir damals wenig darüber wussten, wie genau das funktioniert.

Ist es für Sie als Naturwissenschaftler kein Gegensatz, dass Homöopathie heilen kann?

Hand aufs Herz: Wir sind zwar naturwissenschaftlich ausgebildet, aber wer darf dann von sich behaupten, dass er alles weiß? Ich habe kein Problem damit, etwas zu verfolgen, wenn ich sehe, dass es einen positiven therapeutischen Effekt hat.

Und es gibt einen weiteren familiären Grund, weshalb ich mich der Homöopathie zugewendet habe: In der väterlichen Apotheke hat mein Vater gesehen und geduldet, dass ich homöopathische Arzneimittel herstelle. Er hat es allerdings schallend verlacht und hat gesagt, das sei grober Unfug. Und das war natürlich eine äußerst starke Motivation (lacht), dabei zu bleiben. Als junger Erwachsener will man ja seinen eigenen Bereich abstecken.

Sie suchen neue Wirkstoffe an abenteuerlichen Orten, um daraus homöopathische Arzneimittel herzustellen. Braucht die Homöopathie noch mehr Arzneimittel?

Meiner Meinung nach nicht. Längst nicht mehr, man kommt nach dem Simile-Prinzip mit gut geprüften Arzneien sehr weit. Es hat sich aber der Usus eingebürgert, dass man anhand der Signatur der Pflanze schon Verordnungsgrundlagen finden kann für die Arznei.

Es gibt einen modernen Zugang zur Homöopathie und zu den Arzneien. Das funktioniert über den Familiengedanken bei Pflanzen, Tieren und in der Chemie. Da wurden Systeme erkannt mit der Folge, dass ich die Anfrage bekomme, beispielsweise Samariumglutamat als Homöopathikum herzustellen.

Ich bediene aber nicht alle Anfragen, die an mich gestellt werden. Wenn ich zum Beispiel Hurricane herstellen soll, muss ich passen. Es gibt ja bereits einige problematische Arzneien, in dieser Richtung, beispielsweise Vacuum. Wenn man sich das als Homöopath anschaut, kann man nur sagen: So kann´s nicht gehen. Und so etwas ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

Sie fahren an den Amazonas, nach Sibirien oder Surinam. Sind Ihre Entdeckungen das persönliche Risiko wert, das Sie eingehen?

Na schauen Sie: Das Leben ist kurz und muss spannend bleiben. Und man muss den Inhalt selbst gestalten. Wenn man es schön haben will, dann muss man es sich schön machen. Für mich heißt das, dass es ereignisreich bleiben sollte. Die persönliche Gefahr liegt doch eher darin, dass man zu Hause in seinen vier Wänden bleibt und eigentlich den Weltfluss nicht wahrnimmt und erkennt. Man muss die Welt am eigenen Körper erleben.

Ich war vorige Woche in Costa Rica. Und ich war so beeindruckt von der Natur dort. Und natürlich passiert es, dass einem eine der giftigsten Schlange der Welt vor die Füße kommt. Ich habe das allerdings nicht als Bedrohung empfunden, sondern als willkommenes Zeichen dafür, wie hoch die Artenvielfalt dort ist.

Es geht um das Erleben als eigene Qualität?

Ganz richtig. Wirtschaftlich ist das jedenfalls nicht: Denn der Aufwand ist ungleich höher als das, was ich dann in Form einer individuellen Arznei einem Kunden übergebe.

Robert Müntz (r.) sichert gemeinsam mit Arzt und Homöopath Jan Scholten Wirkstoffe für die Homöopathie

Robert Müntz (r.) sichert gemeinsam mit Arzt und Homöopath Jan Scholten Wirkstoffe für die Homöopathie

Gab es noch andere brenzlige Situationen auf Ihren Reisen?

Ja, in Peru. Da bin ich mit einem Faltboot einen Fluss am Amazonas heruntergefahren, ohne Wildwassererfahrung zu haben. Dreimal bin ich gekentert und fast wäre ich ertrunken. Ich wusste auch nicht, dass ich mich dort in einem Gebiet bewegte, in dem Kokain angebaut wird. Letztlich wurde ich vom Militär in Gewahrsam genommen. Um es in einem Satz zusammenzufassen: Die größte Gefahr liegt nicht im Reisen, der Natur oder Menschen, sondern im Überschätzen der eigenen Möglichkeiten.

Finden Ihre neuen Arzneimittel Eingang in die homöopathische Praxis? Haben sich bei homöopathischen Ärzten bereits etabliert?

Ja, durchaus. Das bekannteste Beispiel ist Boa constrictor. Eine Reihe von Arzneien hat schon Eingang in die homöopathische Praxis gefunden. Es ist ja nicht so, dass ich irgendwohin fahre, und dann irgendetwas mitnehme. Sondern ganz konkrete Wünsche werden an mich herangetragen. Die sortiere ich dann nach Zielländern, um systematisch nach diesen Stoffen zu suchen.

Was ist Ihr aktuelles Projekt?

Aktuell sind Nosoden ein wichtiges Thema für mich. Sie werden aus geweblichem Material tierischen oder menschlichen Ursprungs hergestellt. Und sie existieren zwar am Markt, sind aber nicht in einer Art und Weise von den Herstellern dokumentiert, die es ermöglicht, dass sie dort auch weiterhin bestehen können. Das führt dazu, dass der Therapeut, der mein Kunde ist, den Eindruck bekommt, es gebe immer weniger Nosoden, da sie von Seiten der Behörden verboten wären. Und das stimmt überhaupt nicht.

Die Wahrheit ist einfach nur die, dass Nosoden nach modernen Regeln dokumentiert sein müssen. Und das führt zu einer sehr aufwendigen und kostspieligen Herstellung dieser Arzneien, die viele Hersteller sagen lässt: Das machen wir nicht mehr.

Ich habe im vergangenen Jahr erfolgreich ein Labor zur Nosodenherstellung ins Leben rufen können, wofür man eine spezielle Zertifizierung benötigt. Wir haben einen positiven Bescheid bekommen, dass wir die Herstellung durchführen dürfen. Und jetzt stellen wir Nosoden her, die den Auflagen der modernen Arzneimittelherstellung wie -dokumentation genügen und erhalten so die zahlreichen therapeutischen Möglichkeiten, die sie bieten.

Hahnemann testete Arzneien an sich selbst und sammelte Symptome für das entsprechende Arzneimittelbild. Welche Erfahrungen haben Sie mit Selbstversuchen gemacht?

Grundsätzlich gibt es bei mir aufgrund dieser Fülle von homöopathischen Arzneien einen Überfluss an Informationen, an Reizen. Sodass ich die Veränderungen, die sich bei mir aufgrund eines Arzneimitteltests sicher einstellen, nicht wirklich von anderen Veränderungen auseinanderhalten kann. Arzneimittelprüfungen im klassischen Sinne mache ich also nicht oder ganz selten.

Selbstversuche mache ich aber sehr wohl. Ich habe mich beispielsweise von der 24 Stunden Ameise beißen lassen. – Das möchte ich auch niemand anderem überlassen. Mich hat interessiert, was mit mir passiert. Und gleichzeitig wusste ich, dass der Biss dieser Ameise keine neurologischen Spätfolgen hinterlässt. Ich muss sagen: Das war schon sehr beeindruckend, diese Schmerzqualität (lacht).

Sie können dem Schmerz was Positives abgewinnen?

Viele wissen nicht: Ich bin ein Borreliose-Patient, der Spätfolgen immer mal wieder in Schüben ertragen muss. Und so habe ich gelernt, mit Schmerz umzugehen. Aber die konventionelle Medizin kennt die Qualität von Schmerzen nicht. In der Homöopathie ist dagegen ein ganz tolles Instrument, unterschiedliche Eigenschaften und Qualitäten von Schmerzen zu unterscheiden. Die Qualität beispielsweise eines Kopfschmerzes ist entscheidend für die Wahl des homöopathischen Mittels.

Gewinnt die klassische Homöopathie aus Ihrer Sicht an Bedeutung in der modernen Gesundheitsversorgung? Warum/warum nicht?

Absolut. Entgegen der Unkenrufe der Kritiker. Unbestritten ist, dass die Schulmedizin in den letzten Jahrhunderten fantastische Fortschritte erzielt hat – auf ihre Weise. Doch der Mensch als Gesamtheit kann heute in der Medizin nicht oder nur sehr schwer zum Zuge kommen. Ein zentrales Problem ist dabei: Es gibt zu wenig Zeit für die Patienten. Die Homöopathie leistet es, den Patienten als Gesamtbild zu betrachten und zu behandeln. Das ist zukunftsweisend.

Sie sind viel herumgekommen. Welche Länder haben Sie am nachhaltigsten beeindruckt?

Der Amazonas mit seiner unglaublichen Weite. Und dann kommt noch einmal Amazonas und Amazonas (lacht) – man kann das nicht mit Worten beschreiben. Und meine letzten Erfahrungen aus Costa Rica sind auch wertvoll für mich. Wir sind gerade dabei, dort eine biologische Station aufzubauen – ohne da jetzt irgendeine Zweckforschung betreiben zu wollen.

Was sind Ihre persönlichen Strategien, um gesund zu bleiben?

Zunächst einmal aus dem Bauch heraus zu handeln und zu horchen, was der Körper sagt. Tut mir das gut oder nicht? Dieser Schweinsbraten. Wenn ich die Einstellung habe, dass er mir gut tut, dann wird er es auch.

Intuition spielt eine wichtige Rolle: Alle Entscheidungen, die ich treffe, werden vom Bauch geprüft und freigegeben. Und dann sind sie richtig (lacht). Die Ratio ist gar nicht so wichtig, wie gemeinhin angenommen.

Was macht eigentlich ein Gyrocopter-Pilot?

Ein Gyrocopter ist ein Mittelding zwischen Hubschrauber und Flugzeug. Die Technik existiert schon seit den 1930er Jahren, und das Fliegen damit macht unheimlichen Spaß. In ein paar Wochen bin ich wieder unterwegs und fliege durch Amerika. Was man da erlebt, ist unglaublich.

Man kann mit einem Gyrocopter abrupte Richtungswechsel durchführen oder in der Luft stehen bleiben. Man kann durch ein enges Tal fliegen und die Landschaft genießen. Zur Fliegerei gekommen bin ich durch einen besessenen Freund. Der hat mich mitgenommen, und zu Beginn habe ich mich gefürchtet. Das war nicht schön. Und dann habe ich mir gedacht: Genau das, wovor ich mich fürchte, sollte ich mir mal genauer anschauen. Ich bin über meinen eigenen Schatten gesprungen und habe daran sehr viel Freude gewonnen. Man lernt viel daran, es ist eine Bereicherung in technischer wie in mentaler Hinsicht. So ist es ja oftmals: Große Herausforderungen bringen große Freude mit sich.

Titel-Foto: DZVhÄ

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