Burn-out-Syndrom: „Der Motor für eine ständige Überlastung ist individuell verschieden“

Burn-out-Syndrom: „Der Motor für eine ständige Überlastung ist individuell verschieden“

Heinz Huber ist leitender Arzt und Gründer der Emil-Schlegel-Klinik in Bad Niedernau, er ist Arzt für Allgemeinmedizin und klassische Homöopathie und behandelt regelmäßig Patienten mit Burn-out-Syndrom:

Heinz HuberHerr Huber, ein Burn-out-Syndrom ist nicht leicht zu diagnostizieren. Wie gehen Sie dabei vor?

Das Entscheidende ist das ausführliche ärztliche Gespräch mit dem Patienten über seine Beschwerden und ihre möglichen Ursachen. In einer etwa zweistündigen Erstanamnese werden alle Aspekte der Erkrankung, Vorerkrankungen, Familienanamnese und allgemeine wie psychische Symptome besprochen. Es geht dabei darum, den Patienten in seinen individuellen Schwächen und Stärken zu verstehen. Dazu gehört die Lebensgeschichte des Patienten, die oft bereits in der Kindheit „Überlebensstrategien“ zeigt, die im späteren Leben zur Erkrankung führen.

So hat beispielsweise der eine Patient als Kind gelernt, Anerkennung über exakte Leistungen zu bekommen und führt dies dann im Erwachsenenleben meist unbewusst weiter. Der andere hat eine tiefe Angst vor finanziellem Ruin und überlastet sich deshalb ständig. Der Motor für eine ständige Überlastung ist individuell sehr verschieden. Dies gilt es in der Anamnese, genau zu verstehen und ein homöopathisches Heilmittel dafür zu finden. Dazu nutzen wir einen 18-seitigen, homöopathischen Fragebogen. Zur Verlaufsbeobachtung bekommen die Patienten einen Verlaufsbogen, in dem sie die Beschwerden täglich beurteilen.

Wie therapieren Sie Patienten mit einem Burn-out, und welche Rolle spielt dabei die Homöopathie?

Das erste und Wichtigste ist, dass der Patient seine Erkrankung anerkennt und bereit ist, sich eine „Auszeit“ zu nehmen. Kommt er dann zu uns, steht zunächst die homöopathische Behandlung im Vordergrund, da sie Körper, Geist und Seele berücksichtigt. Nach der Erstanamnese folgt die Gabe des passendsten homöopathischen Arzneimittels. Darüber hinaus gibt es weitere Hilfen: Die meisten Burn-out-Patienten befinden sich in einer Überreizung des Nervensystems. Das Erste, was sie brauchen, ist ein Platz der Ruhe.

Entspannende Massagen, Yoga, oder Entspannungsmeditationen sind hier hilfreich. Wenn die massive Erschöpfung, Schlafstörungen oder depressive Gedanken abgeklungen sind, was unter der homöopathischen Behandlung in der Regel in wenigen Tagen der Fall ist, ist Zeit zu „verstehen und zu verändern“. Psychotherapeutische Gruppen- oder Einzelsitzungen helfen den Motor der Überlastung zu verstehen und Veränderungen einzuleiten.

Die tiefsten Ebenen der Erkrankung sind häufig negative Glaubenssätze wie: „Ich schaffe es ja doch nicht, ich habe immer nur Pech, andere sind immer wichtiger, ich bin nicht geliebt“. Diese können mit reinen Vorsätzen auf der Verstandesebene kaum langfristig verändert werden. Schaffen wir es diese Überzeugungen ins Positive umzukehren und tief im Unbewussten zu verankern, können wirklich Veränderung und Wachstum erfolgen. Schließlich gilt es die ganz konkreten Weichen im Leben und bei der Arbeit neu zu stellen. Das Ziel ist ein klarer Plan für die notwendigen Veränderungen zu Hause. Eine vollwertige Ernährung und Sport spielt dabei eine wichtige Rolle und gehören mit zum Therapiekonzept. Der Patient sollte in seinem Alltag homöopathisch weiterbehandelt werden.

Was sind die zentralen Unterschiede im Vergleich zur konventionellen Medizin?

Die konventionelle Medizin behandelt häufig einzelne Symptome wie Bluthochdruck, Schlafstörung oder Depression jeweils mit unterschiedlichen Medikamenten und sieht nicht den ganzen Menschen. Meinem Eindruck nach ist der Heilverlauf in Kombination mit der Homöopathie wesentlich schneller.

Was passiert Ihrer Meinung nach, wenn man ein Burn-out dauerhaft mit Schlafmitteln und Antidepressiva behandelt?

Neben den möglichen massiven Nebenwirkungen auf innere Organe und die Abhängigkeit, wird die Entwicklung des Menschen blockiert. Schlafmittel und Antidepressiva erzielen eine „Beruhigung“, einen „Waffenstillstand“ ohne Fortschritt. So wird einer Chronifizierung Vorschub geleistet. Schlafmitteln und Antidepressiva setzen wir auch nicht gleich ab, sondern reduzieren sie, wenn es den Patienten besser geht. Es gibt homöopathische Alternativen zu Beruhigungsmittel, zum Beispiel Ignatia.

Sind Ihrer Meinung nach innere oder äußere Faktoren im Leben des Patienten der Auslöser für ein Burn-out-Syndrom?

Innere und äußere Faktoren spielen immer zusammen. Wenn äußere Traumata auf tief liegende konstitutionelle Empfindlichkeiten treffen, dann entsteht Krankheit. Die Aufgabe der Homöopathie bei der Behandlung aller chronischen Erkrankungen ist es immer, diese tiefe Empfindlichkeit aufzuspüren und zu heilen.

Kann man Ihrer Erfahrung nach Betroffene mithilfe der Homöopathie heilen?

Das ist für mich gar keine Frage, aber es sind auch andere Ebenen beteiligt, die berücksichtigt werden müssen. Ohne Homöopathie ist der Heilungsverlauf oft sehr mühsam und langwierig.

Wann betrachten Sie den Patienten als vom Burn-out geheilt, was ist das Ziel der Behandlung?

Von Heilung kann man erst sprechen, wenn der Patient auch Veränderung in seinem Leben vorgenommen hat und diese auch konsequent einhält. Oft ist es so, dass eines seiner Burn-out-Symptome als Empfindlichkeit im Hintergrund bleibt. Wenn der Patient dann wieder in krankmachende, alte Verhaltensmuster zurückfällt, erinnert dieses Symptom daran, dass er wieder etwas falsch macht. Dann kommt der Zeitpunkt, wo das Symptom als wertvoller Helfer geschätzt werden kann und nicht, wie meist zu Beginn, die Erkrankung als lästig und schmerzhaft nur wegbehandelt werden sollte.

Was sind die größten Herausforderungen im Umgang mit Burn-out-Patienten?

Zunächst müssen Patienten die Erkrankung bei sich erkennen und ernst nehmen. Bei der persönlichen Entwicklung gibt es ein Trägheitsgesetz. Wir alle wollen am liebsten erst einmal, dass es möglichst so weitergeht wie gehabt. Die Gewohnheiten und die bei Veränderung auftretenden Ängste sind oft die größten Heilungshindernisse. Es hilft sehr, den Partner in den Prozess mit einzubinden.

Wird ein Burn-out lange nicht erkannt, so verschlechtern sich die Heilungschancen. Wie kann ich ein Burn-out-Syndrom bei mir selbst frühzeitig erkennen?

Die einfachste Möglichkeit ist, seinen Partner oder Partnerin zu fragen. Meist haben diese schon lange gewarnt oder geklagt und sind nicht gehört worden. Die zweite sichere Möglichkeit ist, auf die Symptome des eigenen Körpers zu hören. Der Körper beklagt sich mit seinen Beschwerden sehr prompt bei uns, wenn wir schlecht mit ihm umgehen. Würden wir auf diese Beschwerden frühzeitig hören und nicht gleich durch Genussmittel, Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel stumm machen, hätten wir einen wunderbaren, sehr sensiblen Seismografen für unser Befinden. Im Zweifel können natürlich Fragebogen wie der Maslach Burn-out-Test oder ein Gespräch mit einem Fachmann Aufschluss geben.

Gibt es präventive Maßnahmen, um sich davor zu schützen?

Seelische und körperliche Hygiene, genug Entspannungsphasen, eine gesunde Ernährung und Sport beugen vor. Wilhelm Reich, ein großer Arzt des letzen Jahrhunderts hat es sehr schön beschrieben: „Liebe, Arbeit und Wissen sind die Grundlagen unseres Daseins und sollen es auch regieren“.

Sie sind Arzt und gehören somit zu der Berufsgruppe, die am häufigsten vom Burn-out-Syndrom betroffen ist. Wie sehen Ihre persönlichen Strategien zur Stressbewältigung aus?

Zuerst höre ich auf meine Frau, mit der ich die Klinik zusammen leite und die mich unterstützt und mich auch bremst in meiner Begeisterung. So finden wir gemeinsam auch genug Zeiten der Ruhe und Entspannung. Mein täglicher kurzer Mittagsschlaf, bei dem ich meist auch die Sätze des autogenen Trainings affirmiere, hilft mir seit 30 Jahren frisch in den Nachmittag zu gehen. Auch könnte ich nicht ohne mein regelmäßiges Joggen und Musizieren alleine oder mit andern nicht sein. Meine homöopathische Arbeit ist ein Prophylaxefaktor an sich. Hier erlebe ich befriedigende Erfolge, die meine Kraft und Begeisterung erhalten. Mit jedem Patienten, dem man helfen kann, erfährt man ein Stück eigene Heilung. Auch hier gilt das homöopathische Ähnlichkeitsprinzip „Ähnliches mit ähnlichem Heilen“.

Foto: iStock.com/Kerkez

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