Essstörungen – „Oft hat der Kopf längst begriffen, was man sich antut“

Essstörungen – „Oft hat der Kopf längst begriffen, was man sich antut“

Dr. med. Thomas Bonath ist Arzt, Psychotherapeut und Homöopath aus Karlsruhe. Er behandelt regelmäßig Patienten mit Essstörungen.

Herr Bonath, bei Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie handelt es sich um Suchterkrankungen. Welche besonderen Herausforderungen stellt das an den Arzt?

Für mich ist die erste Hürde die akute Phase, in der vor allem durch strikte Verhaltensänderung zunächst die Symptomatik und das oft vorliegende Untergewicht behandelt werden müssen. Dies ist praktisch die Phase des Entzugs. Hier stehen das Thema Essen, der Missbrauch von Medikamenten und Ähnliches, klar im Vordergrund. Unter Umständen ist hierzu auch eine Behandlung in einer Klinik erforderlich. Die zweite große Hürde ist, dass die auslösenden und begünstigenden Faktoren im Alltag und häuslichen Umfeld fortbestehen. Für Patientin und Arzt ist es manchmal schwierig, mit vorbeugenden Maßnahmen hier genug Entlastung zu erreichen und so Rückfälle zu vermeiden oder kurz zu halten. Schwierig ist es auch, einer Verlagerung der Erkrankung vorzubeugen, also zu vermeiden, dass die Magersucht beispielsweise durch eine Drogensucht ersetzt wird.

Wie therapieren Sie Patienten mit einer Essstörung? Haben Sie dabei ein bestimmtes Konzept?

Ja und nein: Also ja, es gibt ein Vorgehen, das sich übertragen lässt wie zum Beispiel das Eintrainieren bestimmter Verhaltensweisen in Krisensituationen. Und nein, denn letztendlich sind Ursache und Gründe für das Aufrechterhalten der Krankheit immer individuell und müssen so auch individuell behandelt werden.

Welche Rolle spielt die Homöopathie bei der Behandlung eines Patienten?

Sie ist eine effektive und nebenwirkungsarme medikamentöse Unterstützung, die es ermöglicht, zunächst die Symptome zu reduzieren. Gleichzeitig können mit der Homöopathie aber vor allem Prozesse zur Gesundung verstärkt werden. Oft hat der Kopf ja längst begriffen, was man sich antut. Homöopathie bahnt für diese Erkenntnis den Weg zum Herzen und erleichtert so die Umsetzung der Verhaltensänderung. Mit homöopathischer Unterstützung geht es einfach schneller und effektiver.

Gibt es zentrale Unterschiede im Vergleich zur konventionellen Medizin?

Die medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka ist derzeit nicht gut belegt und häufig ein verzweifelter Versuch, die Symptomatik zusätzlich zu beeinflussen. Dies ist oft mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, die bei der Homöopathie nicht vorkommen.

In wieweit muss das soziale Umfeld, Freunde und Familie des Betroffenen für eine erfolgreiche Therapie mit einbezogen werden?

Das Umfeld ist immer mit betroffen. Hier vorhandene Störungen können die Krankheit mit auslösen oder weiter aufrechterhalten. Aufklärung über den Umgang mit der Erkrankung ist für die Familie extrem wichtig, therapeutische Unterstützung kann erforderlich sein. Hier muss aber in jedem Fall gesondert geprüft werden, ob dies beim gleichen Therapeuten möglich und sinnvoll ist.

Wann betrachten Sie den Patienten als von der Essstörung geheilt, was ist das Ziel der Behandlung?

Häufig bleibt für sehr lange Zeit die Thematik erhalten und es besteht die Gefahr, in Krisensituationen einen Rückfall zu erleiden. Das Wichtigste ist, mit dem Patienten einen „inneren Notfallkoffer“ zu erarbeiten, den er zur Verfügung hat, um aus eigener Kraft oder mit Unterstützung ein Abrutschen in das schädigende Verhalten zu vermeiden. Ist ein Rückfall bereits da, gilt es schnell wieder gegenzusteuern und dort heraus zu kommen.

Was sind Ihrer Erfahrung nach häufige Auslöser von Essstörungen?

Die Ursachen sind immer im Einzelnen begründet. Mit zu den auslösenden Faktoren gehören beispielsweise Mobbing, ganz allgemein mangelhafte soziale Integration, Schulstress und Prüfungsangst oder starker Kummer. Aber auch familiäre Spannungen, Trauma durch zum Beispiel einen Todesfall oder sexuellen Missbrauch und Schwellensituationen gehören dazu.

Wird eine Essstörung lange nicht erkannt, so verschlechtern sich die Heilungschancen. Wie kann ich eine Essstörung bei mir selbst früh erkennen?

Essstörungen werden lange vor sich selbst und anderen verheimlicht, oft mit erstaunlich langem Erfolg! Die Symptomatik würde hier den Raum sprengen. Auf unserer Homepage www.praxis-thomas-bonath.de sind die wichtigsten Symptome aufgelistet, so dass man für sich oder auch Andere einen Verdacht überprüfen kann. Wichtig ist, dass bei einem Verdacht schnell eine fachmännische Diagnose und Hilfe erfolgt.

Immer mehr Menschen in Deutschland, besonders Jugendliche, weisen Symptome einer Essstörung auf. Haben Sie dafür einen Erklärungsversuch?

Mein Eindruck ist, dass der Druck auf uns alle durch unser Gesellschaftsmodell immer stärker wird. Dies wirkt sich auf alle Bereiche des Lebens aus. Wir versuchen, dem Druck standzuhalten, aber irgendwann geht es nicht mehr. „Sag Du es ihr“, sagt die Seele dann zum Körper, „auf mich hört sie nicht.“ „Ist gut“, sagt der Körper, „dann werde ich krank. So hat sie Zeit zum Nachdenken“. Bei Kindern entwickelt sich dann häufig „ADHS-Verhalten“, bei Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen Essstörungen. Erwachsene entwickeln eher Depression und „Burnout“. Angsterkrankungen sind über alle Altersgruppen verteilt.

Was verbinden Sie persönlich mit dem Thema „Essen“?

Genuss und Lebensfreude! „Leider!“, ächzt meine Waage.

Foto: iStock.com/luisrsphoto

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