Homöopathische Ärzte begrüßen die Einrichtung von Lehrstühlen zur Integrativen Medizin – und wehren sich gegen einen verengten Evidenzbegriff

Homöopathische Ärzte begrüßen die Einrichtung von Lehrstühlen zur Integrativen Medizin – und wehren sich gegen einen verengten Evidenzbegriff

Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) begrüßt die Initiative der CSU-Fraktion bei den bayrischen Universitäten, die Einrichtung eines Lehrstuhls Integrative Medizin/Naturheilkunde einzurichten, um die Forschung in diesem Bereich weiter zu stärken. Die CSU-Fraktion möchte sich auch dafür einzusetzen, dass die Forschungsmittel in diesem Bereich erhöht werden. Auch das begrüßen die homöopathischen Ärzte in Deutschland. Mit dieser Initiative reagiert die Politik auf das wachsende Interesse der Bevölkerung an integrativer Medizin und insbesondere Homöopathie. Vergleichbare Stiftungsprofessuren und Lehrstühle gibt es nach Auskunft der Hufelandgesellschaft (Dachverband der Ärztegesellschaften für Naturheilkunde und Komplementärmedizin) bereits in Berlin, Rostock und Duisburg-Essen sowie an der Uni Witten/Herdecke. Auch in Tübingen ist aktuell ein solcher Lehrstuhl in Planung.

Integrative Medizin: Deutsche wollen Medizinwende

75 Prozent der Deutschen befürworten mittlerweile eine integrative Medizin, also das Miteinander von Schulmedizin und ergänzenden Therapien wie Naturheilkunde und Homöopathie. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar in 2018. Steht Deutschland also eine Medizinwende bevor – hin zur Integrativen Medizin nach dem Vorbild der Schweiz?

Vor diesem Hintergrund gibt es seit einiger Zeit in Deutschland eine gezielte Anti Homöopathie Kampagne eines kleinen aber lauten Kreises von Kritikern, die in erster Linie die Homöopathie angreift, bei genauerer Betrachtung allerdings sämtliche komplementärmedizinische Methoden (z.B. Osteopathie, Akkupunktur, Naturheilkunde, Anthroposophische Medizin, TCM u.v.m.) im deutschen Gesundheitswesen ablehnt.

Homöopathie ist evidenzbasiert

Die Evidenzbasierte Medizin (EbM) basiert per Definition auf drei Säulen: auf der klinischen Erfahrung der Ärzte, den Werten und Wünschen des Patienten und dem aktuellen Stand der klinischen Forschung. Der vorliegende Artikel zeigt, dass die ärztliche Homöopathie zu jeder dieser Säulen relevante Daten und Evidenz für den therapeutischen Nutzen am Patienten vorzuweisen hat.

Bewährt in der ärztlichen Praxis

Homöopathie erfreut sich in der Bevölkerung einer hohen Beliebtheit und Nachfrage. In repräsentativen Umfragen nehmen jährlich 17 % der Versicherten eine homöopathische Behandlung in Anspruch (1), vier von fünf Patienten sind mit der Behandlung zufrieden (2). Als konventionell ausgebildete Fachärzte in der ambulanten Versorgung, die Homöopathie als Zusatzbezeichnung erlernt und komplementär praktizieren, sind uns Forschungsergebnisse aus der Versorgungsforschung besonders wichtig. Sie bilden den konkreten Nutzen in der alltäglichen Praxis ab. Es liegen mittlerweile viele Studien aus dem Bereich Comparative Effectiveness Research vor, die zeigen, dass Homöopathie in der ärztlichen Praxis ähnlich effektiv ist wie die konventionelle Therapie, aber deutlich weniger konventionelle Arzneimittel benötigt.

EPI3-Studie: weniger Antibiotika und Schmerzmittel

Die EPI3-Kohortenstudien in Frankreich (8559 Patienten, 825 Allgemeinarztpraxen) zeigten beispielsweise, dass homöopathische Ärzte im Vergleich zu konventionellen Ärzten deutlich weniger Antibiotika bei Atemwegsinfekten (3), weniger Schmerzmittel bei Rückenschmerzen (4) und weniger Antidepressiva bei Ängsten und Depressionen (5) benötigen, bei insgesamt ähnlichen prospektiv erhobenen klinischen Therapieergebnissen. In Deutschland wurden die Ergebnisse von homöopathischen und konventionellen Hausärzten in einer vergleichenden Beobachtungsstudie miteinander verglichen, die Patientengruppen waren vergleichbar (Erwachsene: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Depressionen, Schlaflosigkeit, Sinusitis; Kinder: Asthma, atopische Dermatitis, Rhinitis), die klinischen Ergebnisse waren für die Homöopathie Gruppe sogar etwas besser, bei vergleichbaren Kosten (6).

Wir brauchen mehr Forschung zu Hochpotenzen

Homöopathische Ärzte verstehen auch die Kritik zur spezifischen Wirksamkeit (efficacy) homöopathischer Hochpotenzen. Allerdings liegen hierzu auch zahlreiche positive Daten vor, die nicht außer Acht gelassen werden sollten. In Metaanalysen, die randomisierte klinische Studien zu klinischen Indikationen zusammenfassen, liegen beispielsweise positive Ergebnisse vor zu kindlichem Durchfall (7), allergischer Rhinitis (8), Mucositis im Rahmen einer Chemotherapie (9) und Schwindel (10). Bis Ende 2014 wurden 189 randomisierte kontrollierte Studien zur Homöopathie bei 100 verschiedenen Erkrankungen in peer-reviewed Zeitschriften veröffentlicht (11). Darunter fallen 104 Studien, die Placebo-kontrolliert und für eine weitere detaillierte Bewertung in Frage kommen: 41 % fielen positiv aus (43 Studien) – sie stellten fest, dass Homöopathie wirksam ist, 5 %  fielen negativ aus (5 Studien) – sie stellten fest, dass Homöopathie unwirksam ist, 54 % waren nicht eindeutig  (56 Studien). Da die klinische Forschung im Bereich Homöopathie ein unterfinanziertes Feld ist und keine öffentlichen Fördermittel für neue Studien zur Verfügung stehen, wurden bislang nur wenige hochwertige Studien durchgeführt bzw. wiederholt, das bedeutet, dass das Risiko für Bias in den meisten randomisierten Studien hoch ist. Eine aktuelle Metaanalyse zur individualisierenden Homöopathie zeigt jedoch auch für hochwertige Homöopathiestudien einen signifikanten Effekt (12). Eine zusammenfassende Übersichtsarbeit zu den bisherigen homöopathischen Metaanalysen kommt zu dem Schluss: „Um zu schließen, dass der Homöopathie eine klinische Wirkung fehlt, müssen mehr als 90% der verfügbaren klinischen Studien außer Acht gelassen werden“ (13).

Forderung nach Forschungsverbot ist unwissenschaftlich

Immer wieder wird von Kritikern der Homöopathie ein Forschungsverbot für die ärztliche Homöopathie gefordert. Sie sei „nicht scientabel“. Ein Forschungsverbot soll nach diesem Konzept angebracht sein, weil Wirkstoffe in homöopathischen Arzneien bis an die Grenze der Nachweisbarkeit, und darüber hinaus, verdünnt und verschüttelt werden. Kurz: Weil die ärztliche Homöopathie heutigen Erkenntnissen der konventionellen Pharmakologie widerspricht, soll sie nicht mehr erforscht werden.

Diese Haltung ist zutiefst unwissenschaftlich. Im Gegenteil: Forschung hat ja gerade den Auftrag, zu beobachtende Phänomene zu erforschen, die in Dissonanz mit heutigen Erkenntnissen stehen. Die Forderung nach einem Forschungsverbot für die Homöopathie – ohne wissenschaftliche und ärztliche Gegenrede (und Gegenrecherche) – in diversen Medien zu lesen, wird weder wissenschaftlichen noch ärztlichen oder journalistischen Qualitätsansprüchen gerecht.

Drei Säulen der evidenzbasierten Medizin: nicht nur eine halbe!

Denn nicht zuletzt stützt sich das Konzept der modernen Evidenzbasierte Medizin nach Sackett auf drei Säulen: auf die klinischen Erfahrung der Ärzte, auf die Werte und Wünsche des Patienten und auf den aktuellen Stand der klinischen Forschung. Homöopathische Ärzte wehren sich gegen einen verengten Evidenzbegriff der Kritiker, der Evidenz allein auf die Säule der klinischen Forschung bzw. ausschließlich auf RCT verengen möchte und die anderen beiden Säulen ausblendet. Experten schätzen, dass bei einer solchen Auffassung von EbM rund 70 Prozent aller Leistungen der GKV nicht evidenzbasiert sei. Nötiger als eine Homöopathie-Debatte hat die deutsche Ärzteschaft aus unserer Sicht eine klare Verständigung darüber, welcher Evidenzbegriff nun gilt.

In guter Tradition

Der verstorbene Ärztekammerpräsident Prof. Jörg Dietrich Hoppe vertrat die Meinung „Medizin ist keine Naturwissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft, die sich auch wissenschaftlicher Erkenntnisse aus anderen Fachgebieten bedient“. Gesunde Skepsis ist aus unserer Sicht pluralistisch: Denn der andere könnte auch Recht haben!

Der Deutsche Ärztetag 2018 hat sich deutlich für die Homöopathie in der ärztlichen Weiterbildung ausgesprochen. Ebenso der aktuelle Präsident der Ärztekammer, Prof. Frank Ulrich Montgomery.

Zusammenfassend sind wir der Meinung, dass eine zusätzlich zur konventionellen Medizin angewandte Homöopathie, wie sie heute von über 7000 Ärzten in Deutschland betrieben wird, für die Patienten klinischen Nutzen bringt. Mehr Forschung ist hier nötig. Als homöopathische Ärzte stehen wir ein für einen kritischen, pragmatischen und pluralistischen Diskurs.

Wissenschaftliche Referenzen

(1) Linde K, Buitkamp M, Schneider A, Joos S: Naturheilverfahren, komplementäre und alternative Therapieverfahren. In: Gesundheitsmonitor 2012. Hrsg. von J. Böcken, B. Braun, U. Repschläger. 118-135 https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/imported/leseprobe/LP_978-3-86793-493-0_1.pdf

(2) Sartori C, Osterkamp N, Uebing C, Linde K: Homoopathie in der gesetzlichen Krankenversicherung: Modelle,Erfahrungen und Bewertungen. Gesundheitsmonitor 2014 (3): 1-10 https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/pid/gesundheitsmonitor-patienten-fuehlen-sich-durch-homoeopathische-behandlung-gut-versorgt/

(3) Grimaldi-Bensouda L, Bégaud B, Rossignol M, Avouac B, Lert F, Rouillon F, Bénichou J, Massol J, Duru G, Magnier AM, Abenhaim L, Guillemot D. Management of upper respiratory tract infections by different medical practices, including homeopathy, and consumption of antibiotics in primary care: the EPI3 cohort study in France 2007-2008. PLoS One. 2014 Mar 19;9(3):e89990. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0089990

(4) Rossignol M, Begaud B, Engel P, et al. Impact of physician preferences for homeopathic or conventional medicines on patients with musculoskeletal disorders: results from the EPI3-MSD cohort. Pharmacopepidemiol. Drug Saf. 2012, 21:1093-101.  https://bmccomplementalternmed.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12906-016-1104-2

(5) Grimaldi-Bensouda L, Abenhaim L, Massol J, Guillemot D, Avouac B, Duru G, LertF, Magnier AM, Rossignol M, Rouillon F, Begaud B; EPI3-LA-SER group. Homeopathic medical practice for anxiety and depression in primary care: the EPI3 cohort study. BMC Complement Altern Med. 2016 May 4;16:125. https://bmccomplementalternmed.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12906-016-1104-2

(6) Witt C, Keil T, Selim D, Roll S, Vance W, Wegscheider K, Willich SN. Outcome and costs of homoeopathic and conventional treatment strategies: a comparative cohort study in patients with chronic disorders. Complement Ther Med. 2005 Jun;13(2):79-86.

(7) Jacobs J, Jonas WB, Jiménez-Pérez M, Crothers D. Homeopathy for childhood diarrhea: combined results and metaanalysis from three randomized, controlled clinical trials. Pediatr Infect Dis J. 2003 Mar;22(3):229-34.

(8) Lüdtke R, Wiesenauer M. [A meta-analysis of homeopathic treatment of pollinosis with Galphimia glauca]. Wien Med Wochenschr. 1997;147(14):323-7.

(9) Kassab S, Cummings M, Berkovitz S, van Haselen R, Fisher P. Homeopathic medicines for adverse effects of cancer treatments. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 2. Art. No.: CD004845.

(10) Schneider B, Klein P, Weiser M. Treatment of vertigo with a homeopathic complex remedy compared with usual treatments: a meta-analysis of clinical trials. Arzneimittelforschung. 2005;55(1):23-9.

(11) https://facultyofhomeopathy.org/research/

(12) Mathie RT, Lloyd SM, Legg LA, Clausen J, Moss S, Davidson JR, Ford I. Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis. Syst Rev. 2014 Dec 6;3:142.Open Access: https://systematicreviewsjournal.biomedcentral.com/articles/10.1186/2046-4053-3-142

(13) Hahn RG. Homeopathy: Meta-Analyses of Pooled Clinical Data. Forsch Komplementmed 2013;20:376–381. https://www.karger.com/Article/FullText/355916

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