Homöopathie: „Die beste Prävention, um chronische Krankheiten zu vermeiden“

Homöopathie: „Die beste Prävention, um chronische Krankheiten zu vermeiden“

Dr. Thomas W.A. Koch_Arzt für Allgemeinmedizin und Homöopathie

Dr. Thomas W.A. Koch

Dr. Thomas W. A. Koch im Interview über chronische Krankheiten: Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin und homöopathischer Arzt. Er studierte neben der Medizin auch Theologie und Philosophie. Seit über 20 Jahren behandelt er Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen

Herr Koch, die Anforderungen in der Medizin steigen durch Patienten, die Mehrfacherkrankungen haben. Welches Risiko gehen Patienten ein, die in einer „Mehrfachmedikation“ täglich zahlreiche Arzneimittel einnehmen?

Mehrfachmedikationen beinhalten immer die Gefahr der gegenseitigen Interaktion der Medikamente und deren Nebenwirkungen. Sie können damit eine negative Auswirkung auf die Lebensqualität des Patienten haben. Aus meiner homöopathischen Sichtweise ist jedoch das Phänomen der Unterdrückung von sogenannten krankhaften Symptomen des Organismus, die ich meist als Entlastungsventile ansehe, viel gravierender. Denn wenn wir ein ‚Ventil‘ schließen mit einer Dauermedikation, wird der Organismus ein neues eröffnen. Das nächste Symptom, die nächste Krankheit wird entstehen.

Ist eine Prävention vor zu vielen Medikamenten nötig geworden? Und wie kann diese aussehen?

Ja, eine Prävention ist notwendig, zum Beispiel mit der Homöopathie. Dazu gehört, dass wir das Wort ‚Ganzheitlichkeit‘ ernst nehmen und die Sprache des Organismus wieder verstehen lernen. Denn Symptome und Krankheiten entstehen nach unserer Vorstellung nicht einfach ‚zufällig‘, sondern sind das Ergebnis der Lebensprozesse, die wir in unserer Herkunftsfamiliengeschichte oder in unseren Lebensbedingungen erkennen können. Die Homöopathie versucht, diese Prozesse zu verstehen und einzubinden. Somit ist die Homöopathie für mich die beste Prävention, um chronische Krankheiten zu verhindern.

In der Homöopathie wird ein Patient mit einem einzigen homöopathischen Arzneimittel behandelt. Funktioniert das auch bei chronischen Mehrfacherkrankungen?

In der Homöopathie versuchen wir Krankheit nicht wie in der konventionellen Medizin zu sehen: als Störung, die beseitigt werden muss. Sondern als notwendigen Ausdruck des individuellen Lebens. Deshalb wollen wir alle Aspekte des Krankseins entschlüsseln, den einzelnen Symptomen die miasmatische Tiefe der Krankheit zuordnen und beginnen schließlich mit einem einzigen homöopathischen Arzneimittel nach dem Ähnlichkeitsprinzip zu behandeln. Dabei ist die Erstverschreibung nicht unbedingt das wichtigste, sondern die zweite und dritte Verschreibung ist wichtig. Denn sie ergibt sich aus den Symptomen, die der Patient entwickelt. Nach dem Ähnlichkeitsprinzip und der miasmatischen Einordnung der nun entstehenden neuen oder alten Symptomen können wir zuverlässig sehen, ob der Patient sich auf dem ‚Krankheitsweg‘ oder dem ‚Heilweg‘ befindet.

Ist bei mehrfachen chronischen Erkrankungen durch die Homöopathie eine Reduzierung anderer Medikamente oder sogar ihr Absetzen möglich?

Ja, man sollte aber nicht den Fehler begehen und denken: ‚Ich mache jetzt Homöopathie und lasse die Schulmedizin.‘ Die allopathische Medikation sollte zuerst weiter eingenommen werden. Zeitgleich beginnt die homöopathische Arbeit. Und schließlich können wir an der Mehrfachmedikation schrittweise ‚schrauben‘, nach und nach reduzieren und ausschleichen. Heilweg bedeutet: Es gibt EINEN Weg in die Krankheit, so kann es auch EINEN Weg aus der Krankheit geben. Und diesen Weg wollen wir mit unseren Patienten gehen, Schritt für Schritt.

Wann setzen Sie die Homöopathie ergänzend und wann alternativ zur konventionellen Medizin ein?

Wir setzen die Homöopathie bei Mehrfacherkrankungen eigentlich immer komplementär, also ergänzend ein. Alternativ wird die Homöopathie von selbst, wenn wir beginnen, Medikamente abzusetzen. Dies gelingt oft, da die Homöopathie nicht nur eine Heilweise ist, sondern vielmehr auch eine Lehre vom Leben. Es lohnt sich immer, homöopathische Arzneien Parallel zur Allopathie einzusetzen. Es ist ein Irrtum, wenn ein Therapeut sagt: ‚Homöopathie geht nicht mit der Schulmedizin.‘ Wir dürfen mehr Mut mit der Homöopathie haben, besonders bei schweren chronischen Krankheiten, – und die Erfolge stellen sich ein.

Nimmt ein Patient mehrere Medikamente parallel ein, ist der Boden der „evidenzbasierten Medizin“ (EBM) schnell verlassen. Inwieweit ist die Behandlung von Patienten mit Mehrfacherkrankungen in der konventionellen Medizin überhaupt noch wissenschaftlich?

Die EBM ist die Leitlinie, die nach Prof. Sackett das Ziel einer medizinischen Intervention vor Augen hat, schwerwiegende Krankheitsverläufe mit Defektheilung oder Todesfolge zu verhindern. Dies wird aber, wenn wir uns viele chronische Krankheitsverläufe ansehen, nicht erfüllt.
Wir machen oft keine wirklichen Fortschritte in der konventionellen Medizin. Wissenschaftlich werden einzelne Medikamente zwar erforscht und ‚durchgetestet‘. Aber in Kombination, also Mehrfachbehandlung, gibt es jedoch keine verlässlichen Studien. Die Menschen werden immer älter, so steigt die Zahl der chronisch Erkrankten, die Mehrfachmedikation benötigen, obwohl dafür wissenschaftliche Studien fehlen. Dies ist eher unwissenschaftlich.

Eine Studie der Universität zu Köln zeigt: Von 100 Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen (58 bis 87 Jahre) nahmen 78 Prozent mehr als vier Wirkstoffe täglich ein. Woran liegt es, dass Patienten eine solche Flut von Medikamenten verordnet wird?

Weil die Patienten an die Pillen der Allopathie glauben und weil die Prozesse, die zur chronischen Krankheit führen, nicht verstanden werden. So haben wir eine ‚Unterdrückungsmedizin‘, bei der nur einzelne Symptome angesehen, behandelt und medikamentös unterdrückt werden. Wir Ärzte drücken uns häufig vor dem Thema der Unterdrückung. Langzeitverläufe und Krankheitsprozesse werden in der Arztpraxis sehr selten gesehen. Es werden Arzneien eingesetzt, deren Interaktionen nicht hinreichend geprüft sind. – Und so nimmt das ‚Übel‘ seinen Lauf.

Ich gebe gerne bei kardiovaskulären Erkrankungen zusätzlich zur Homöopathie das pflanzliche Arzneimittel Strophanthin in Tropfenform. Allein mit Strophanthin und klassischer Homöopathie können wir die meisten allopathischen Arzneimittel weglassen.

Kritiker wenden häufig ein, die Homöopathie sei wissenschaftlich nicht fundiert und wirke nicht. Wie sehen Sie das?

Dass die Homöopathie wirkt ist in vielen Studien, nicht zuletzt von Prof. Claudia Witt, Charité Berlin, nachgewiesen. Nur wie sie wirkt ist uns nicht klar. Die konventionelle Medizin reduziert Homöopathie allein auf den fehlenden Nachweis des Wirkmechanismus. Dabei muss man wissen, dass die konventionelle Medizin sich weiterhin auf das Experiment bezieht. Es gilt nur das naturwissenschaftlich Erfassbare, das messbar ist und das man nachweisen kann. Und der Mensch ‚degradiert so zur Maschine‘ wie Richard Dawkin schon 1620 sagte.

Und ich betone, es geht hier nicht um Meinung. Sondern um Wissenschaft, die einer neuen Medizin gerecht wird, die das Subjekt einbezieht und sich nicht mit der analytischen Naturwissenschaft zu erklären braucht. Denn der Patient darf nicht aus dem Heilungsprozess herausgedacht werden, wie im Modell der klinisch kontrollierten Doppelblindstudie.

Trotzdem ist Homöopathie keine Alternativmedizin, die sich der Schulmedizin entgegenstellt, sondern ein Medizinsystem, das auf Beobachtung fußt. Wir brauchen auch in der Homöopathie die Schulmedizin: Sonographie, EKG, Labor und Chirurgie. Anatomie, Physiologie und die körperliche Untersuchung sind Voraussetzungen auch für unser Heilsystem.

Sie arbeiten jetzt seit über 20 Jahren als homöopathischer Arzt. Woher kommt ihr Engagement für die Homöopathie?

Weil die Homöopathie so gut ist und versucht, den ganzen Menschen zu sehen. Die Homöopathie ist für mich eine systemische Betrachtungsweise mit multifaktorieller Ursachensuche, die den Mensch als ein offenes System betrachtet, der seine ureigene Familiengeschichte in sich trägt und der stets in Interaktion mit seiner Umwelt steht. Krankheit ist für mich ein Ausdruck eines Lebensprozesses, der nicht zum Ziel hat, primär ein Leiden zu verursachen, sondern dessen Zweck es ist, Gesundheit entstehen zu lassen. Sie ruht in jedem von uns. Jeder Mensch hat für mich eine ewige Seele, die Gesundheit in sich trägt. Der Mensch kann noch so krank sein, die Würde verschwindet nicht. Die Homöopathie versucht nun dieses Potential der Gesundheit anzuzapfen, sodass der Mensch wieder Zugang  bekommt zur Ressource der eigenen Gesundheit. So ist Homöopathie für mich als Lebensheilslehre zu verstehen.

Foto: Istockphoto

 

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There are 2 comments for this article
  1. Dr. rer. nat. Harald Zycha at 16:02

    Sehr geehrter Herr Koch,

    darf ich Sie bei dieser Gelegenheit auf einen etwas anderen Aufsatz zu diesem Thema hinweisen, den ich kürzlich in der “Naturheilpraxis” 9/2014, S. 90 mit dem Titel “Homöopathie und Prävention” veröffentlicht habe?

    Mit freundlichen Grüßen

    Harald Zycha

  2. Klaus Binding at 15:53

    …Sonographie, EKG, Labor und Chirurgie sind keine Medizin, sondern mechanische Hilfeleistungen und haben mit Heilung nichts zu tun. Das Konzept, die Philosophie ( oder besser, die fehlende Philosophie) sind das grundsätzliche Übel der Hochschulmedizin. Es fehlt ein echtes ( ganzheitliches) Menschenbild ! …und Übel ist noch harmlos ausgedrückt, diese Art von geistloser Medizin wird die Menschheit langfristig degenerieren ( G. Vithoulkas)