Dr. med. Beatrix Geßner zur Homöopathie bei Neurodermitis

Dr. med. Beatrix Geßner zur Homöopathie bei Neurodermitis

Dr. med. Beatrix Geßner ist Ärztin und Homöopathin aus Konstanz. Bereits seit 1987 setzt sie sich intensiv mit der Behandlung von Hautkrankheiten wie Neurodermitis auseinander und war Oberärztin in einer homöopathisch geführten Spezialklinik für Allergiker und Neurodermitiker.

Frau Geßner, Neurodermitis gilt in der konventionellen Medizin als nicht heilbar. Symptome können demnach nur gelindert werden. Kann Neurodermitis Ihrer Erfahrung nach erfolgreich homöopathisch geheilt werden?

Auf jeden Fall. Das heißt nicht, dass die Hautsymptome für immer verschwunden sind, aber dass unter der homöopathischen Behandlung die Hauterscheinungen sich abmildern, dass es lange Phasen der Beschwerdefreiheit geben kann und nur in Stresszeiten sich die Haut noch einmal verschlechtert. All das ist möglich und ich habe die heilsame Wirkung der Homöopathie häufig bei meinen Patienten mit Neurodermitis beobachten dürfen.

Wie häufig tritt diese deutliche Linderung der Beschwerden auf? Können Sie das quantifizieren?

Eine sehr deutliche und dauerhafte Linderung der Beschwerden ist nach meiner Erfahrung in 70 bis 80 Prozent aller Fälle möglich. Wichtig sind hier allerdings auch Geduld und eine gute Mitarbeit der Patienten. Denn durch den schubweisen Charakter der Neurodermitiserkrankung sieht man auch im Heilungsverlauf wechselnde Phasen – mit zeitweiliger Verschlechterung. Saisonale Effekte wie die Pollen oder Nahrungsmittelallergien und psychische Belastungssituationen können das Hautbild wieder verschlimmern. Hier ist das können des homöopathischen Arztes gefragt, diese externen Faktoren bei der Arzneimittelwahl und der Dosierung zu berücksichtigen. Ein gut gewähltes homöopathisches Mittel kann lange wirksam sein. Selten ist ein häufiger Wechsel der homöopathischen Arzneien angezeigt. Die Dosierung kann variieren, beispielsweise können wesentlich höhere Potenzen in der Pollenzeit nötig werden.

Neurodermitis-Patienten werden gewöhnlich mit Antihistaminika, Kortison oder Immunsuppressiva behandelt, die den Patienten mit zusätzlichen Nebenwirkungen belasten können. Kann eine homöopathische Behandlung ohne diese Medikamente auskommen? 

Ja, das ist möglich und auch sinnvoll. In besonders schweren Fällen kann es notwendig sein, das Kortison erst einmal beizubehalten und parallel mir der homöopathischen Arznei zu kombinieren. Spricht die homöopathische Arznei an, kann das Kortison dann schrittweise reduziert werden. Das Kortison kann später auch homöopathisch ausgeleitet werden. Wir haben die Möglichkeit mit Cortisonum D30 oder auch D200 Nebenwirkungen, die eine Kortisonbehandlung im Körper des Patienten eventuell hinterlassen hat, über Entgiftungsprozesse zu heilen.

Meine Erfahrung in einer Spezialklinik für Allergiker und Neurodermitiker war, dass wir in der stationären Therapie mithilfe der Homöopathie – in Verbindung mit Heilfasten und Kost ohne tierische Eiweiße – auch sehr schwer erkrankte Neurodermitis-Patienten freibekommen haben von chemischen Medikamenten und Salben.

Was versteht man im Kontext einer Neurodermitis unter einem „Etagenwechsel“ der Erkrankung? 

Ein Etagenwechsel wäre beispielsweise, wenn die Haut sich deutlich bessert, dafür aber asthmatische Beschwerden entstehen. Oder plötzlich Darmprobleme auftreten. Das ist nicht erwünscht, aus homöopathischer Sicht sollte eine Heilung von innen nach außen verlaufen. Die Haut ist die äußerste Schicht des Körpers. Treten ausschließlich hier Beschwerden auf – das sage ich auch den Eltern meiner Neurodermitis-Kinder – ist der Betroffene noch relativ gesund. Wir behandeln die Erkrankung dann homöopathisch so, dass die Krankheit nicht nach innen schlägt. Schulmedizinisch ist unter dem Begriff der Atopie bekannt, dass Neurodermitis, Heuschnupfen und Asthma bronchiale gemeinsam oder auch abwechselnd auftreten können. Ein konventioneller Kinderarzt würde sich freuen, wenn die Haut gut geworden ist und im Anschluss das Asthma behandeln. Das sehen wir in der Homöopathie anders.

Was sind die besonderen Herausforderungen bei der homöopathischen Behandlung von Neurodermitis? Wie gehen Sie mit den multifaktoriellen Ursachen um? 

Wie bereits angedeutet gibt es viele Faktoren, die eine Verschlechterung der Neurodermitis hervorrufen. Wichtig ist hier, dass man Ruhe bewahrt, nicht zu schnell die Mittel wechselt und auch die Eltern unterstützt, weiter bei der Therapie zu bleiben. Gerade bei der Neurodermitis gibt es einen großen Markt an Salben, Testungen, Nahrungsmittelempfehlungen. Dies alles kann die Eltern eines Neurodermitis-Kindes verunsichern und belasten. Hinzu kommen die Verwandten oder Freunde, die dann sagen: Jetzt musst Du aber mal ein richtiges Medikament nehmen. Nur wenn die Eltern Vertrauen in die Erfahrung des homöopathischen Arztes haben und mit der Zeit sehen, dass die homöopathischen Mittel wirken, ist die Behandlung erfolgreich. Wichtig ist also, dass man den Zeitraum einer Behandlung von Anfang an klar macht. Wenn beispielsweise ein dreijähriges Kind mit Neurodermitis in die Praxis kommt, sage ich den Eltern, dass es zwei bis drei Jahre gehen kann, bis der Zustand richtig gut und stabil ist. Eine erste deutliche Besserung findet jedoch meistens schon in der Anfangsphase statt.

Ist eine homöopathische Behandlung prinzipiell für jeden Neurodermitiker zu empfehlen? 

Ja, das ist richtig. Die homöopathische Heilmethode ist für jeden Patienten mit Neurodermitis geeignet.

In welchen Fällen kann eine homöopathische Behandlung nicht mehr weiterhelfen?

Je mehr starke Medikamente, Kortison oder Antibiotika eingesetzt wurden, umso schwieriger ist die Behandlung. Das heißt aber nicht, dass es keine Verbesserungsmöglichkeiten durch die Homöopathie gibt. Grundsätzlich ist es so, dass die homöopathische Behandlung von Kindern schneller zu einer Heilung führt. – Die haben eine große Lebenskraft. Bei Erwachsenen, die bereits schon Jahrzehnte lang Kortison eingenommen haben und zusätzliche Erkrankungen entwickelt haben, ist die Behandlung meistens komplizierter.

Mit welchen Veränderungen des Alltagsumfelds können Neurodermitiker Ihre Situation verbessern? 

Sinnvoll ist eine Reduzierung der bekannten Allergene wie beispielsweise Hausstaub oder Milben. Da gibt es spezielle Matratzenüberzüge, die die Milbenkonzentration reduzieren. Nahrungsmittel mit bekannten und wirksamen Allergenen sollten am Anfang der homöopathischen Behandlung gemieden werden. Später kann man diese eventuell schrittweise wieder dazunehmen. In der Praxis verlasse ich mich nicht hundertprozentig auf die Allergietestungen, sondern für mich ist wichtig, ob ein Patient nach eigenen Angaben eine Verschlechterung durch ein Nahrungsmittel erlebt hat. Die Testungen können insbesondere im Kindesalter noch unspezifisch sein. Es kann also sein, dass ein Nahrungsmittel – beispielsweise Weizen – in der Allergietestung hoch ausschlägt aber im Alltag gar nicht so schlimme Reaktionen auslöst. Und das gilt auch umgelehrt. Die direkten Reaktionen, die sofort nach dem Essen auftreten, sind wichtig. Oft treten bereits nach einigen Minuten Rötungen am Mund oder im Gesichtsbereich auf. Darüber hinaus gibt es noch Spätreaktionen, die sich nach etwa acht Stunden oder einem Tag zeigen.

Kann man einer Neurodermitiserkrankung vorbeugen? Und spielt die Homöopathie dabei eine Rolle? 

Es ist sicherlich sinnvoll in sehr belasteten Allergikerfamilien, die Mutter vor, während und nach der Schwangerschaft homöopathisch zu begleiten. Ob dadurch letztendlich eine Neurodermitis beim Kind abgewendet werden kann, ist schwer zu sagen. Ich sehe auf der anderen Seite bei Familien mit einem sehr stark von Neurodermitis betroffenen Kind, dass andere Geschwister deutlich weniger betroffen sind und nur einen leichten Heuschnupfen zeigen. Aus diesem Grund ermutige ich auch Familien mit einem weiteren Kinderwunsch, diesem ruhig nachzugehen. Es ist nicht zwingend, dass wenn ein Kind stark betroffen ist, das nächste Kind ähnlich reagiert. Eine weitere Prävention bei Neurodermitisfamilien: Mit Milch und Eiweißprodukten sollte man besonders zurückhaltend sein, um eine vorhandene allergische Disposition bei Kindern nicht zu aktivieren. Ist in der Familie keine atopische Vorbelastung vorhanden, braucht es auch keine Prävention.

Häufig sind Kinder von Neurodermitis betroffen, laut aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) leiden 8,1 Prozent der Jungen und 7,3 Prozent der Mädchen unter atopischer Dermatitis. Wieso tritt die Krankheit so oft bei Kindern auf?

Wir haben in Mitteleuropa eine Häufung von Neurodermitis bei Kindern. In den Mittelmeerländern ist Neurodermitis beispielsweise kein großes Thema. Welche Rolle da das Klima, die Ernährung oder unterschiede in der emotionalen Prägung der Kinder spielen, ist schwer zu sagen. Bisher gibt es nur Vermutungen, warum bei uns so viele Kinder an Neurodermitis leiden.

Warum interessieren Sie sich seit vielen Jahren für allergische Erkrankungen und Neurodermitis?

Während meiner Zeit als Assistenzärztin in der Dermatologie konnte ich viele Erfahrungen sammeln und sah die Begrenztheit der konventionellen Medizin – insbesondere bei chronischen Hauterkrankungen. Meine Praxis hat sich so entwickelt, dass viele Patienten mit Hautproblemen zu mir kommen. Und wenn sie zufrieden waren, erzählten sie es weiter. Ich freue mich, wenn ich insbesondere den Neurodermitiskindern und ihren Familien mit dem homöopathischen Therapieansatz weiterhelfen kann. Für mich ist es ein zentrales Anliegen, dass man Menschen mit chronischen Erkrankungen eine Therapie anbieten kann, die chemisch nicht so belastend ist. Die konventionelle Medizin hat große Erfolge in der Akutmedizin oder Transplantationsmedizin, jedoch für die alltägliche Praxis mit chronisch kranken Patienten besteht keine Vielfalt der medikamentösen Behandlung. Die Homöopathie ist eine individuelle Therapie und erfordert viel Erfahrung. Sie bietet uns jedoch die Möglichkeit, eine chronische Erkrankung von der Wurzel her zu behandeln. Und zwar mit schonenden Medikamenten. Davon bin ich begeistert.

Foto: iStock.com/Daisy-Daisy

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