ZEIT Wissen: Max Rauner glänzt mit Halbwissen über Edzard Ernst und die Homöopathie – kleiner Faktencheck

ZEIT Wissen: Max Rauner glänzt mit Halbwissen über Edzard Ernst und die Homöopathie – kleiner Faktencheck

Journalismus lebt von guten Geschichten. Max Rauner, Redakteur des Magazins ZEIT Wissen, hat eine unterhaltsame Geschichte geschrieben: Unter dem Titel „Edzard gegen Charles“ beschrieb er den Streit zwischen „dem Professor und dem Prinzen“ zum Thema Homöopathie. Dabei wird Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin der Universität Exeter im Ruhestand, als herausragende Kapazität in Sachen Komplementärmedizin und insbesondere Homöopathieforschung dargestellt, der Prinz Charles – einen der prominentesten Befürworter der Homöopathie – attackiert. Die wissenschaftliche „Wahrheit“ auf Seiten des Professors, so der Tenor. Ernst wolle zeigen, „dass sich die Alternativmedizin mit wissenschaftlichen Methoden erforschen lässt, und zwar selbst so eine individualisierte und bizarre Behandlung wie die Homöopathie“, erklärt Rauner.

Recherche gefällig, Herr Rauner?

Eine sorgfältig durchgeführte Recherche ist laut Journalistenverbänden die Grundlage jedes seriösen Qualitätsjournalismus. Recherchiert man die wissenschaftliche Reputation von Prof. Edzard Ernst zum Thema Homöopathie, so wird deutlich: Experten wie z. B. Shang et al. (2005) konnten nicht eine einzige qualitativ hochwertige Studie zur Homöopathie finden, die Edzard Ernst durchgeführt und publiziert hat – Primärforschung Fehlanzeige. Stattdessen hat Herr Ernst zahlreiche systematische Übersichtsarbeiten verfasst, sogenannte Reviews, die Ergebnisse anderer Studien zusammenfassen sollen. Auch Ernsts Reviews besitzen jedoch – laut Forscher-Kollegen – eine fragwürdige Qualität. Mehr dazu weiter unten.

„Subjektive Beobachtungen“

Die Pressestelle des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) hat Max Rauner mit Ergebnissen eines „kleinen Faktenchecks“ konfrontiert und nachgefragt, auf welcher Grundlage das Magazin ZEIT Wissen Herrn Ernst als alleinigen Kronzeugen zur Homöopathie-Forschung heranzieht – und dessen Thesen als aktuellen Stand der Forschung in der Komplementärmedizin stehen lässt, ohne sie einzuordnen. Wäre nicht genau dieses Einordnen die Aufgabe eines Wissenschaftsmagazins? Sämtliche ihm gestellte Sachfragen ignorierend schreibt Rauner als Begründung für sein journalistisches Vorgehen: „Bei meinem Artikel in ZEIT Wissen handelt es sich um die journalistische Stilform eines Portraits.“ Auf die Nachfrage, ob ein Porträt für ihn also eine „Hofberichterstattung“ für den Porträtierten bedeute, oder ob die Tatsachenbehauptungen des Porträtierten vor dem Hintergrund einer journalistischen Recherche geprüft und eingeordnet werden müssen, antwortet Rauner: „Die Portraits, die ich schreibe, beruhen immer auf subjektiven Beobachtungen, und lässt wissen, „bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich nicht über Fragen zum Journalismus diskutieren möchte.“

Ob er Professor Ernst für eine „Kapazität auf dem Gebiet der Homöopathieforschung“ halte? Diese wichtige Frage wollte der Wissenschaftsjournalist, nachdem er mit den Fakten konfrontiert wurde, nicht mehr positiv beantworten. Max Rauners Argument, es handele sich um ein Porträt, entbindet ihn nicht von sachlicher Kritik, der Sorgfaltspflicht in Hinblick auf Recherche und Tatsachenbehauptungen oder der von Journalistenverbänden immer wieder geforderten „nötigen Distanz“ zwischen Berichterstatter und Personen, über die berichtet wird.

Konkret: Wie steht es mit Edzard Ernst in Bezug auf Primärforschung zur Homöopathie?

Die Meta-Analyse von Shang et al. (2005) gilt in der Homöopathie-Forschung als die aktuellste wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Frage, ob homöopathische Arzneimittel einen über Placebo hinausgehenden spezifischen Effekt haben. Sie fasst den diesbezüglichen Stand der Primärforschung zusammen. Als Grundlage wurden zunächst 110 randomisierte und placebokontrollierte Studien von den Forschern gesichtet und bewertet. Der Beitrag von Edzard Ernst: Insgesamt befand sich unter den Studien nur eine einzige Arbeit, die von Edzard Ernst und seiner Arbeitsgruppe stammte. Diese Arbeit zeigt übrigens ein leicht positives Ergebnis für die Homöopathie. Trotzdem fand die Studie keinen Eingang in den Analysekorpus von Shang und wurde aussortiert. Die Begründung: Ausschluss aufgrund mangelnder methodischer Qualität.

Dies ist nur ein interessanter Sachverhalt, der im Kontext des Artikels relevant ist, von Max Rauner jedoch übergangen wird. Darüber hinaus geht Rauner mit keinem Wort darauf ein, welche Meinung Forscher bzw. Kollegen von Edzard Ernst, seiner wissenschaftlichen Arbeit und seinen in den Medien verbreiteten Darstellungen haben. Das ist erstaunlich, weil die Reputation eines Wissenschaftlers nicht daran zu messen ist, wie viele „Hassmails“ er nach eigenen Angaben von Homöopathen erhält, sondern wie hoch qualifizierte Kollegen seine wissenschaftliche Arbeit einschätzen.

Und wie sind Ernsts systematische Übersichtsarbeiten zu bewerten?

Der Medizinforscher Andrew J. Vickers vom Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York erörterte in einem Editorial des Journals Forschende Komplementärmedizin (November 2010) die fragwürdige Qualität mancher Übersichtsarbeiten (Reviews). Unter dem Titel Reducing Systematic Review to a Cut and Paste“ kritisierte er, dass viele Meta-Analysen heutzutage den Charakter von industrieller Fließbandproduktion haben und dabei in schneller Folge nahezu identische Texte entstehen. Unter den Negativbeispielen, die laut Vickers das Problem verdeutlichen, befinden sich insgesamt 17 Reviews von Edzard Ernst. Darüber hinaus entstünden unter Ernst Studien zu Indikationen, so Vickers, die nahezu keine praktische Relevanz haben – beispielsweise zur Akupunktur bei Schizophrenie.

ZEIT WISSEN präsentiert „Meinung“ subtil als „Stand der Forschung“

Hätte Max Rauner professionell recherchiert, dann hätte er Aussagen von Edzard Ernst, was denn angeblich Stand der Forschung sei, kritisch hinterfragt. Bei ZEIT Wissen lesen wir hingegen: „Bis heute sind etwa 200 hochwertige Studien zur Homöopathie erschienen. In der Gesamtschau, sagt Ernst, zeigen sie, dass die Homöopathie für keine Indikation besser ist als ein Placebo‘. Das Kapitel Homöopathie ist für ihn abgeschlossen.“ Recherche und Gegenrecherche? Rede und Gegenrede? Max Rauner verzichtet darauf, dabei gibt es zahlreiche Wissenschaftler – keine Homöopathen – die das komplexe Feld der Homöopathieforschung differenzierter betrachten. Einen ersten Überblick gibt beispielsweise Björn Bendig in seinem Blogbeitrag: ‚Viele Wahrheiten‘ in der Wissenschaft. – Sechs Perspektiven zum aktuellen Stand der Homöopathie-Forschung“.

Fragwürdiges von Edzard Ernst

Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke, bis Ende 2011 Biometriker der Carstens-Stiftung mit einer international anerkannten Reputation auf dem Gebiet der Forschung zur Komplementärmedizin, ging in einem Interview mit CAM Media.Watch auf die wissenschaftliche Arbeit von Ernst ein: „Ein anderes Beispiel für eine schlecht gemachte Metaanalyse ist die Arbeit von Ernst , in der er Klaus Lindes Daten reanalysierte. Hier begeht Herr Ernst eine Reihe statistischer Fehler, wie ich in einem Kommentar der gleichen Zeitschrift nachweisen konnte “. Rainer Lüdtke spricht hier nicht von Flüchtigkeitsfehlern, wie sie auch in wissenschaftlichen Arbeiten vorkommen können. Er spricht von grundlegenden statistischen Fehlern, die in Metaanalysen nicht vorkommen dürfen.

Weiterhin sagt Lüdtke zu einer Metaanalyse von Edzard Ernst aus dem Jahr 2010 zum Fibromyalgiesyndrom: „Im Abstract seiner Metaanalyse kritisiert Ernst eine randomisierte Doppelblindstudie von Bell aus dem Jahr 2004 als ‚not without serious flaws‘, was übersetzt ‚mit schweren Fehlern behaftet‘ heißt. Im Text der Publikation geht er auf diese Behauptung jedoch mit keinem Wort ein.“ Was bedeutet das? Wenn das Abstract als Zusammenfassung einer wissenschaftlichen Publikation etwas ankündigt, was von der Untersuchung nicht eingelöst wird, spricht das für grobe Mängel in der „wissenschaftlichen Arbeit“ – jeder Student würde für ein solches Vorgehen von seinem Professor abgestraft.

Bei Max Rauner klingt das anders. Er zitiert Ernst mit den Worten: „Ich spreche auf der Basis der Evidenz“, und Medizin ohne Evidenz sei wie ein Auto ohne Räder. „Und weil die anderen das nicht verstanden, änderte Ernst seine Strategie. Er gab Interviews und schrieb Kolumnen über seine Forschung für Zeitungen. Für die Presse wurde er zu Großbritanniens führendem quackbuster, zum Scharlatan-Schreck“, erklärt Rauner. Die wissenschaftlichen Grundlagen für Ernsts Behauptungen lässt er dabei offen. Und dass Ernsts Thesen dazu geeignet sind, medial in Szene gesetzt zu werden, ersetzt keine wissenschaftliche Reputation.

Edzard Ernst

Gehört die „wissenschaftliche Wahrheit“ zum Thema Homöopathieforschung Edzard Ernst allein?

Er selbst hat das in einem Online-Interview im September 2011 nahegelegt und klargestellt, was er von seinen Forscher-Kollegen hält: „Ja, die meisten, wenn nicht alle meiner Kollegen benutzen Wissenschaft wie ein Betrunkener eine Straßenlaterne – zum Anlehnen und nicht zur Erleuchtung. Ich bin zum Schluss gekommen, dass der Grund dafür darin liegt, dass sie in Wirklichkeit Befürworter der Alternativmedizin sind.“ Und doch, die Geschichte von Max Rauner funktioniert. Der „wahrheitsliebende“ Professor hat sich im Alleingang „viele Feinde gemacht. Bis ins britische Königshaus“, beginnt Rauner. Am Ende werden zwei seiner „Gegner“ zum Ritter geschlagen.

„Wissenschaft bewegt uns“, lautet der Slogan auf dem Cover von ZEIT Wissen

Nimmt man die Redaktion beim Wort, konterkariert der genannte Beitrag diese Behauptung erheblich und führt nahtlos zu der Frage: Was bewegte Max Rauner zu seiner Geschichte? Was der Journalist von Richtigstellungen in den Medien hält, macht der „Wissenschaftsredakteur“ ebenfalls in seinem Artikel deutlich. Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) hatte darauf aufmerksam gemacht, dass die von Journalisten gerne aufgegriffene Behauptung von Edzard Ernst über sich selbst – er sei ein ausgebildeter Homöopath – eine falsche Tatsachenbehauptung darstellt. Ernst hatte das im British Journal of Clinical Pharmacology von sich behauptet,der DZVhÄ stellte Ernst zur Rede und forderte eine öffentliche Richtigstellung. Seit dem schreibt Ernst zum Thema: „Ich glaube nicht, dass ich mich jemals als ‚ausgebildeter Homöopath‘ bezeichnet habe.“ Bei Max Rauner liest sich der Sachverhalt so: „Edzard Ernst ist heute der Buhmann der Alternativmediziner. Er habe gar keine homöopathische Ausbildung, schimpfte im vergangenen Jahr der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte.“

Der DZVhÄ lädt die ZEIT Wissen-Redaktion und Max Rauner nach wie vor herzlich dazu ein, zu dem hier vorliegenden „Faktencheck“ öffentlich und sachlich Stellung zu nehmen.

Quellen:

Ernst, E., Saradeth, T., Resch, K.L., (1990) Complementary therapy of varicose veins – a randomized, placebo controlled, double-blind trial Phlebology Vol. 5 pp.157-163
Andrew J. Vickers, Reducing Systematic Review to a Cut and Paste, Forsch Komplementmed 2010;17:303–305
Lee MS, Shin BC, Ronan P, Ernst E: Acupuncture for schizophrenia: A systematic review and metaanalysis. Int J Clin Pract 2009;63:1622–1633
Rainer Lüdtke, Statistical comments on a re-analysis of a previous meta-analysis of homeopathic RCTs, J Clin Epidemiol. 2002 Jan;55(1):103-4.
Edzard Ernst, A systematic review of systematic reviews of homeopathy, Br J Clin Pharmacol. 2002 December; 54(6): 577–582.

Beitragsbild: ©Zeit Online

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