Warum gehört die Homöopathie an die Universitäten?

Warum gehört die Homöopathie an die Universitäten?

Von Prof. Dr. med. Markus Herrmann.

Das Wahlpflichtfach Homöopathie findet an unserer Fakultät seit 11 Jahren regelmäßig an drei Wochenenden im Wintersemester statt. In diesem Semester hat es bereits stattgefunden. Inhalt der Kursinhalte betreffen Grundprinzipien, Denkansatz und Therapiekonzept der Homöopathie. Die Studierenden lernen die Anamnese und Prinzipien der Fallaufnahme in der Homöopathie. Vermittelt durch eine langjährig erfahrene Fachärztin und Kassenärztin. Neben der Universität Magdeburg gibt es das Wahlpflichtfach Homöopathie u.a. auch an den Universitäten in München, Leipzig, Erlangen, Jena, Duisburg-Essen, Bochum, Tübingen, Bonn, Düsseldorf und Göttingen.

Die Medizinstudierenden diskutieren Pluralismus in der Medizin

Die Studierenden diskutieren im Wahlpflichtfach Homöopathie die Notwendigkeit eines medizinischen Pluralismus. Sie lernen die Bedeutung des holistischen, individualisierten Blicks auf die Person des Patienten und die Bedeutung einer partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung am Beispiel der Homöopathie kennen.

Wofür braucht es Pluralismus in der Medizin? „Heilung bedeutet in diesem Kontext daher nicht nur ein Zurückdrängen der Erkrankung in geringere Manifestationsgrade, sondern auch ein Lernen an und mit der Erkrankung, welches als eine – in der Praxis allerdings nicht selten vernachlässigte – Aufgabe ärztlichen Handelns zu verstehen ist.“ (Hoppe 2000, Dialogforum Pluralismus in der Medizin der BÄK)

Pluralismus in der Medizin ist auch gesellschaftlich notwendig, um unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten der Deutung von Krankheitsprozessen zu ermöglichen und in einen sozial vermittelbaren Kontext zu stellen.

Die Förderung von ärztlichen Basisfertigkeiten durch eine ausgiebige Anamnese, Fallaufnahme und Verlauf lernen die Studierenden zu würdigen. Und sie werden sensibilisiert für die Patientensicht auf deren Kranksein (Illnes-Perspektive), wie sie in der wissenschaftlichen Publikation „Lehmann et al 2014: Das klinische Wahlfach Homöopathie − ein Ort des Lernens ärztlicher Basiskompetenzen, GMS Z Med Ausbild 2014;31“ abgebildet ist.

Ärztliche Basisfertigkeiten und individuelle Fallaufnahme

Gerade für die hausärztliche Versorgung ist es wichtig, die individuelle Fallaufnahme als eine Kette interpretativer, hermeneutischer Handlungen zu begreifen, um ein gemeinsames Verständnis zwischen Arzt und Patient zu entwickeln (vgl. Greenhalgh Narrative based medicine in an evidence based world, BMJ 1999). Die Studierenden lernen auch die Homöopathie als Teil der ärztlichen Versorgungslandschaft und ärztlichen Weiterbildung kennen.

Homöopathie und die drei Säulen der evidenzbasierten Medizin (EbM)

Ebenfalls zentraler Gegenstand des Seminars sind die drei Säulen der evidenzbasierten Medizin (EbM nach David Sackett):

  1. Die individuelle klinische Erfahrung der Ärzte (= interne Evidenz)
  2. die Werte und Wünsche der Patienten
  3. der aktuelle Stand der wissenschaftlich fundierten klinischen Medizin (= externe Evidenz).

Die ärztliche Homöopathie erfüllt auf der Grundlage der drei Säulen der EbM wesentliche Punkte einer evidenzbasierten Medizin: Der breite Wunsch und die Nachfrage durch Patienten; die breite und positive klinische ärztliche Erfahrung, die auch in großen Beobachtungsstudien abgebildet ist; dazu eine breite, kontroverse Studienlage unterschiedlichster Studien, die weitere Forschung notwendig macht. Darunter der Schweizer HTA-Bericht: www.hri-research.org/de/quellen/die-homoopathie-debatte/der-schweizer-hta-bericht-ueber-homoeopathie.

Orientiert an diesen drei Säulen wird die Frage der Evidenz der Homöopathie im Seminar umfangreich diskutiert. Zur letzteren Säule werden verschiedene Studien der Grundlagenforschung und die Ergebnisse klinischer Forschung – also aus Beobachtungsstudien, RCTS, Metastudien und der genannte HTA-Bericht – dargestellt und diskutiert.

Begriffe zur Wirksamkeit und Wirkungsmodelle

Als Hochschullehrer und Fachvertreter der Allgemeinmedizin und beauftragt, auch Komplementärmedizin zu lehren, vermittele ich die verschiedenen Begriffe zur “Wirksamkeit”. Hier gilt es zu unterscheiden:

  1. Efficacy (Wirkungsvermögen) für die Wirksamkeit einer Maßnahme in klinischen Studien, unter kontrollierten Bedingungen;
  2. Effectiveness (Effektivität) für die Wirksamkeit einer Maßnahme unter Alltagsbedingungen in routinemäßiger Anwendung;
  3. Efficiency (Effizienz) für die Wirksamkeit einer Maßnahme als das Verhältnis von Nutzen und Aufwand und
  4. Cost effectiveness analysis, die Kosten und Effektivität einer Intervention in Relation zu setzen und mehrere Interventionen zu vergleichen.

Anhand verfügbarer und auch kontrovers diskutierter breiter Studienlage – nicht nur der RCTs – wird mit den interessierten und sehr wohl auch kritischen Studierenden die externe Evidenzlage für die Wirksamkeit Homöopathie diskutiert. Es ist nicht ungewöhnlich, dass für viele klinische Fragen auch in anderen Bereichen der Medizin keine Informationen hoher (externer) Evidenzstärke vorhanden sind und z.T. auch Wirkungsmodelle fehlen.

„Medizin ist eine Erfahrungswissenschaft, die sich auch wissenschaftlicher Erkenntnisse aus anderen Fachbereichen bedient“

„Medizin ist keine Naturwissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft, die sich auch wissenschaftlicher Erkenntnisse aus anderen Fachgebieten bedient”, betonte Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe während seiner zwölf Jahre langen Tätigkeit als Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), die 2011 endete. Mit “Erfahrungswissenschaft” ist jedoch mitnichten eine “anekdotische” Beweisführung in der Medizin gemeint – sondern die empirische Wissenschaft, die durch Experimente, Beobachtungen oder Befragungen Erkenntnisse bereitstellt.

Ich sehe es als ergänzend und wichtig für die Lehre angehender Ärztinnen und Ärzte an, wenn ich einerseits als allgemeinärztlicher Kassenarzt praktiziere, dabei Psychotherapie und Homöopathie nutzend, und als Hochschullehrer neben meiner langjährigen ärztlichen Erfahrung auch mit kritischer Distanz die Studienlage zur externen Evidenz zur Homöopathie darlege und mit den Studierenden diskutiere.

Es geht um die Praxis

Neben dem Wissenschaftsbezug gilt es gerade auch den Praxisbezug in der Ausbildung zu fördern, am besten auch durch Kolleginnen und Kollegen, die in der Praxis stehen. Kritiker der Homöopathie hingegen haben oftmals einen einseitigen Evidenzbegriff, indem sie die drei Säulen der EbM nicht berücksichtigen, sondern die Frage der Evidenz in der Medizin alleine auf RCTs verengen möchten. Der letzte Deutsche Ärztetag 2018 hat dieser Form der Kritik eine klare Absage erteilt.

Neben den Delegierten des Ärztetags 2018 hat sich auch unser aktueller Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, für die Homöopathie in der Medizin ausgesprochen.

Autor: Prof. Dr. med. Markus Herrmann MPH, M.A. ist Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (www.ialm.ovgu.de).

Beitragsbild: iStock.com/Wavebreakmedia

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