Am 09.10.2012 fand im Europaparlament eine Konferenz zum Thema „Complementary and Alternative Medicine – Innovation and Added Value for European Healthcare“ statt (Programm). Wissenschaftler aus ganz Europa informierten hier über den Nutzen der Komplementärmedizin und ihre wachsende Bedeutung zur Behandlung speziell von chronischen Erkrankungen.

Prof. Harald Walach, der die Veranstaltung in Brüssel moderierte, hat auf seiner neuen Webseite „Eindrücke, Marksteine und Gedanken“ zur Konferenz hinterlassen. „Das Bemerkenswerte war für mich, dass wir, nach bald 20 Jahren von Gesprächen und Kontaktaufnahmen mit der EU-Kommission und mit Vertretern im Parlament, nun das Ohr von drei Parlamentariern hatten, die die Konferenz als Gastgeber organisierten und damit im Parlament ansiedeln konnten“, so Professor Walach.

 

Abbildung: Prof. Harald Walach über die „EU CAM Conference“.

Abbildung: Prof. Harald Walach über die „EU CAM Conference“.

CAMbrella: Bestandsaufnahme zur CAM-Forschung in Europa

„So viel offenkundige Unterstützung für die Komplementärmedizin gab es in Europa noch nie“, schreibt Prof. Walach mit Verweis auf CAMbrella. Dieses von der EU mit 1,5 Mio. Euro finanziell geförderte dreijährige Projekt wird vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM) koordiniert und betreibt selbst keine eigene Forschung. Es soll stattdessen ein Netzwerk europäischer Forschungseinrichtungen im Bereich der Komplementärmedizin aufbauen und deren internationale Kooperationen fördern.

Eine „Sondernummer CAMbrella“ des Journals „Forschende Komplementärmedizin“ fasst in Kürze zusammen, warum, wie und wo Komplementärmedizin in Europa erforscht wird. Walach interpretiert CAMbrella als Indiz dafür, „dass Politiker mittlerweile verstanden haben, dass sie es nicht mit einem Randphänomen zu tun haben, sondern dass es sich hier um ein Anliegen handelt, das im Zentrum der Aufmerksamkeit und im Herzen vieler Bürger Europas steht.“

Prof. Claudia Witt: System. Review zur Wirtschaftlichkeit von CAM-Therapien

Prof. Dr. med. Claudia Witt schilderte in Brüssel die Ergebnisse einer Systematischen Übersichtsarbeit zu den Kosten und zur Kosten-Effektivität von Komplementärmedizin. Hier eine PDF-Kopie Ihres Vortrags: Prof Claudia Witt Costs and cost-effectiveness Complementary and Alternative Medicine.

16 (d.h. 29 Prozent) von 56 vollständigen und qualitativ hochwertigen wirtschaftlichen Evaluierungen nicht-pharmakologischer Behandlungen zeigen einen höheren Outcome bei niedrigeren Kosten im Vergleich zu einer konventionellen medizinischen Behandlung. Laut Prof. Walach sei damit die oft falsch verbreitete Aussage wissenschaftlich widerlegt, dass CAM-Therapien nur Kosten in die Höhe treiben, ohne einen Zusatznutzen zu schaffen. Allerdings lassen sich pauschalisierende Aussagen zum Kosten-Outcome-Verhältnis von komplementärmedizinischen Therapieverfahren aus der Übersichtsarbeit nicht ableiten. Denn es wurden ausschließlich einzelne Therapieverfahren wie z. B. Akupunktur untersucht und nicht die Komplementärmedizin insgesamt.

Zum langfristigen Effekt heißt es im Skript von Frau Witt: „Long-term economic impact not known, but aspects such as life style change could have positive economic impact.“ Berücksichtigt man den wachsenden Anteil chronischer Erkrankungen an den Gesundheitskosten (über 2/3) und Stress als Verstärker oder sogar Auslöser chronischer Erkrankungen, so kann dieser Hinweis Sinn machen. Und zwar immer dann, wenn parallel zu einer CAM-Therapie auch eine Veränderung des Lebensstils stattfindet – hin zu einem bewussten und gesundheitsfördernden Verhalten.

Sichere therapeutische Entscheidungen durch zuverlässige Datenbasis

„Die mit diesen Verfahren Praktizierenden brauchen genauso Sicherheit, wie die Patienten sicher gehen können müssen, dass die, die sie behandeln gut ausgebildet sind, aber auch, dass sie diese Behandlungen erhalten können, wenn sie sie wollen und brauchen“, schreibt Walach. Welchen Beitrag kann die Europäische Union hier leisten, wenn Gesundheitspolitik doch von den einzelnen Mitgliedsländern verantwortet wird? Aus Sicht von Walach kann sie Forschungsprojekte fördern, um die Effekte der Komplementärmedizin im Versorgungsalltag zu dokumentieren. Aber auch um komplementärmedizinische und konventionelle Behandlungen im Rahmen von Effektivitätsstudien miteinander zu vergleichen.

Sein Fazit: „Die Tagung war politisch ein Durchbruch und ein wichtiges Zeichen. Denn es dokumentiert: hier gibt es ein Thema, auf das die Politik aufmerksam geworden ist, weil es wichtig ist für die Bürger.“

Lesetipps:

EU CAM Conference: Post-event Press Release & Reporting – Complementary & Alternative Medicine: Innovation and Added Value for European Healthcare

Prof. Harald Walach: „Methodenlehre für Anfänger“ – Crashkurs medizinische Forschungsmethodik für Einsteiger

Beitragsbild: ©EuroCam/ Cam-Conference