Homöopathie bei Atemwegsinfektionen von Kindern – Kritik an Studie

Homöopathie bei Atemwegsinfektionen von Kindern – Kritik an Studie

Die vorliegende Übersichtsarbeit von Cochrane zur Wirksamkeit einer homöopathischen Behandlung bei Infektionen der oberen Atemwege von Kindern wertet lediglich 2 Studien aus. Jede dieser Studien dokumentiert für sich positive Therapieeffekte der Homöopathie, einmal tendenzielle Überlegenheit gegenüber Placebo, und einmal mindestens Gleichwertigkeit mit einer Standardtherapie inklusive Antibiotika. Die statistische Gesamtauswertung erfolgt nach methodisch fragwürdigen Gesichtspunkten, findet aber dennoch eine signifikante Überlegenheit der Homöopathie in Bezug auf den primär relevanten Zielparameter „kurzfristiger Therapieerfolg“.

 

Zur Auswertung kamen im Rahmen der vorliegenden Meta-Analyse  nach Cochrane-Kriterien [1] 8 randomisierte, kontrollierte Studien mit insgesamt 1.562 Teilnehmern. 4 dieser Publikationen verwarfen die Wissenschaftler aufgrund methodischer Mängel. 2 der verbleibenden Arbeiten befassten sich mit der Prävention von Erkältungserkrankungen (Upper Respiratory Trcat Infections = URTIs) mit homöopathischen Mitteln und 2 mit der Therapie bereits bestehender Pathologien. Die Möglichkeit einer Verhinderung von Krankheiten durch die Einnahme potenzierter Substanzen, ohne dass Symptome beobachtbar sind, wird in homöopathischen Fachkreisen kontrovers diskutiert. Daher geht es im Folgenden lediglich um die Resultate bezüglich der kurativen Anwendung von Homöopathika und somit um 2 Studien.

Wie ist die Studienauswahl getroffen worden?

Die Autorinnen verwendeten für die Auswahl und Evaluation der Daten, die sie im Rahmen ihrer Arbeit analysiert haben, die Bewertung des Verzerrungsrisikos nach den neusten Kriterien der Cochrane-Collaboration [2].  Es handelt sich hierbei um den wissenschaftlichen State of the Art, sofern alle Studiencharakteristika korrekt erfasst und gemäß der zur Verfügung gestellten Instrumente bewertet werden. Die Qualität der Studien wurde in Bezug auf die gemessen Parameter, die Probandenzahlen sowie weitere Kennwerte als sehr gering bis allenfalls mittelmäßig eingestuft. Zudem differierten die Resultate der einzelnen Arbeiten erheblich. Insgesamt wurde die Datengrundlage als tendenziell unzuverlässig bewertet.

Welche Ergebnisse dokumentieren die analysierten Studien im Einzelnen?

Eine [3] der 2 schlussendlich ausgewerteten Studien  untersuchte die Wirksamkeit einer klassisch homöopathischen Behandlung mit Einzelmitteln gegenüber Placebo bei Mittelohrentzündung im Rahmen eines randomisierten Doppelblinddesigns an 75 Probanden: Die Forscher fanden einen statistisch signifikanten Vorteil in der Verumgruppe für den Schweregrad der Symptome nach 24 respektive 64 Std. Behandlung. Um einen relevanten Unterschied im Hinblick auf den Hauptzielparameter „Therapieversager nach 5, 14 und 35 Tagen“ darzustellen, hätte es einer größeren Studie mit ca. 500 Teilnehmern bedurft.

Die zweite ausgewertete Studie [4] mit 81 Patientinnen, die unter Otitis media litten, verglich die Wirksamkeit individuell ausgewählter homöopathischer Arzneimittel mit einer Standardtherapie (Schmerzmittel + Entzündungshemmer). In beiden Gruppen wurden Antibiotika verabreicht, wenn nach 3 Tagen Behandlung keine Besserung der Symptome um mindestens 50% eingetreten war. Die Autoren fanden keinen Unterschied im Hinblick auf den Therapieerfolg nach 21 Tagen. Die Besserung trat jedoch in der Homöopathiegruppe signifikant schneller ein. In der konventionell behandelten Gruppe erhielten 39 von 40 Patienten Antibiotika, in der Homöopathiegruppe keiner.

Wie interpretiert der Cochrane-Review diese Resultate?

Die Ergebnisse dieser beiden Studien wurden in vorliegenden Übersichtsarbeit kombiniert, und zwar zunächst in Bezug auf zwei Kennwerte, namentlich „kurzfristiger Therapieerfolg = 10 bzw. 14 Tage“ und „langfristiger Therapieerfolg = 21 bzw. 42 Tage“. Für die erstgenannte Zielgröße ergab sich eine signifikante Überlegenheit für die Homöopathiegruppe, für die letztere kein Unterschied zur Kontrolle. Des Weiteren wird über den Schweregrad der Symptome berichtet, der insbesondere innerhalb der ersten 3 Behandlungstage signifikant geringer für die Homöopathiegruppe war. Weil jedoch in den zugrundeliegenden Studien unterschiedliche Bewertungsinstrumente (Symptom Scores) verwendet wurden, verzichteten die Autoren des Reviews auf eine statistische Gesamtauswertung. Im Endergebnis wird konstatiert, dass die Ergebnisse die Verwendung von homöopathischen Arzneimitteln für URTIs bei Kindern in der klinischen Praxis nicht unterstützten. Die Forscherinnen behaupten, diese Feststellung werde von allen vorherigen systematischen Übersichtsarbeiten zur Homöopathie gestützt. Sie zweifeln überdies an der Sinnhaftigkeit weiterer Forschung, weil das Wirkprinzip potenzierter Arzneimittel nicht geklärt sei.

Methodische Bedenken

Die gepoolte Auswertung von 2 Studien, von denen die eine in der Kontrollgruppe ein Placebo verwendet und die andere eine wirksame Standardtherapie, erscheint aus methodischer Sicht fragwürdig: Die Arbeit mit Placebokontrolle fand einen Vorteil für die homöopathische Behandlung. Die Studie, in der Schmerzmittel, Entzündungshemmer und Antibiotika in der Kontrollgruppe eingesetzt wurden, dokumentiert eine kurzfristige Überlegenheit der Homöopathie sowie die langfristige Gleichwertigkeit beider Therapieansätze. Eine zusammenfassende Betrachtung, die die Langzeiterfolge fokussiert, geht sowohl an der Ausgangshypothese der analysierten Arbeiten als auch an der Sache vorbei. Bezogen auf den Spontanverlauf einer Mittelohrentzündung erscheint zudem der gewählte Zielparameter der Cochrane-Autoren unangemessen: Eine spontane Besserung der Symptome einer akuten Otitis media tritt in etwa 60% der Fälle innerhalb der ersten 24 Stunden ein, in etwa 80 – 85% innerhalb der ersten 2 – 3 Tage und in 90% der Fälle nach 4 – 7 Tagen. [5]   Interessant ist also primär der Therapieerfolg innerhalb kurzer Zeit.

Ist die alleinige Auswertung von 2 Studien zur Homöopathie bei URTIs sinnvoll?

Der Großteil der existierenden Evidenz zu diesem Thema wird in der vorliegenden Übersichtsarbeit nicht in Blick genommen, obwohl die Cochrane-Richtlinien es zulassen, dass bei unzureichender Evidenz aus randomisierten, kontrollierten Studien andere Arbeiten herangezogen werden, z.B. Beobachtungsstudien: Eine von der Schweizer Regierung in Auftrag gegebene Übersichtsarbeit [6] wertete beispielsweise 29 Studien zu URTIs aus. Mindestens ein positiver Trend für die homöopathische Behandlung konnte in 22 dieser Studien konstatiert werden. Auch in der höchsten Evidenzklasse berichteten 11 von 14 placebokontrollierten Studien über einen Vorteil der Homöopathie- gegenüber der Placebogruppe. Ähnliche Ergebnisse berichtet ein Review aus 2017 [7]: Neun randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und acht Beobachtungsstudien wurden analysiert, 7 davon mit pädiatrischen Populationen. Die Ergebnisse für die homöopathische Behandlung waren insgesamt positiv. Die meisten Studien berichten eine verringerte Krankheitsdauer sowie einen verringerten Einsatz von Antibiotika sowie mögliche längerfristige Vorteile.

Einschätzung

Die vorliegende Übersichtsarbeit zur Wirksamkeit einer homöopathischen Behandlung bei Infektionen der oberen Atemwege von Kindern wertet lediglich 2 Studien aus. Jede dieser Studien dokumentiert für sich positive Therapieeffekte der Homöopathie, einmal tendenzielle Überlegenheit gegenüber Placebo, und einmal mindestens Gleichwertigkeit mit einer Standardtherapie inklusive Antibiotika. Die statistische Gesamtauswertung erfolgt nach methodisch fragwürdigen Gesichtspunkten, findet aber dennoch eine signifikante Überlegenheit der Homöopathie in Bezug auf den primär relevanten Zielparameter „kurzfristiger Therapieerfolg“. Die Klassifikation der Datenbasis als unzuverlässig erscheint gerechtfertigt, da nur 2 Studien ausgewertet wurden. Die Schlussfolgerungen der Autoren lassen sich nicht aus dem analysierten Material ableiten, insbesondere was die Vorbehalte gegenüber weiterer Forschung anbelangt: Die Evidenzlage deutet momentan darauf hin, dass eine homöopathische Therapie von URTIs auch für Kinder wirksam und sicher ist. Insbesondere stellt sie in Zeiten einer virulenten Resistenzproblematik eine valide Behandlungsoption gegenüber Antibiotika dar. Weitere Studien von hoher methodischer Qualität wären wünschenswert, um zuverlässigere Aussagen treffen zu können.

 © Carstens-Stiftung : Natur und Medizin, Quelle: carstens-stiftung.de

Literatur

[1] Hawke K, van Driel ML, Buffington BJ, McGuire TM, King D.: Homeopathic medicinal products for preventing and treating acute respiratory tract infections in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, Issue 4. Art. No.: CD005974. DOI: 10.1002/14651858.CD005974.pub4. Abstract

[2] Jacobs J, Springer DA, Crothers D. Homeopathic treatment of acute otitis media in children: a preliminary randomized placebo-controlled trial. Pediatric Infectious Disease Journal 2001;20(2):177–83. Abstract

[3] Sinha M, Siddiqui V, Nayak C, Singh V, Dixit R, Dewan D, et al.: Randomized controlled pilot study to compare homeopathy and conventional therapy in acute otitis media. Homeopathy 2012;101(1):5–12. Abstract

[4] Thomas JP, Berner R, Zahnert T, Dazert S: Strukturiertes Vorgehen bei akuter Otitis media. Dtsch Arztebl Int 2014; 111(9): 151-60; DOI: 10.3238/arztebl.2014.0151. Abstract

[5] Bornhöft, G.; Matthiessen, P. (Hrsg.): Homöopathie in der Krankenversorgung – Wirksamkeit, Nutzen, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit. VAS: 2012. Abstract

[6] Fixson A: Homeopathy in the Age of Antimicrobial Resistance: Is It a Viable Treatment for Upper Respiratory Tract Infections? Homeopathy 2017. DOI10.1055/s-0037-1621745. Abstract

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