Alles Placebo in der Schulmedizin? Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt Oder

Alles Placebo in der Schulmedizin? Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt Oder

Seit ihren Anfängen zu Beginn der Neunzigerjahre entwickelt sich die moderne Placeboforschung immer mehr zu einem Medizinkrimi der Extraklasse. Sie zeigt uns, dass die etablierten Evidenzkriterien und Evidenzhierarchien reformbedürftig sind, weil starke Placeboeffekte fälschlicherweise dem Verumeffekt zugeschrieben werden. Und zwar in einem teils verblüffend großen Umfang. Umgekehrt wird der therapeutische Nutzen komplementärmedizinischer Therapieverfahren zu schnell und sinnentstellend mit dem Vorwurf „Alles Placebo – also Betrug“ umschrieben. Aus der neuesten Placeboforschung wissen wir nun, dass es hier nicht um eine „eingebildete Wirkung“ sondern um hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse geht. Diese lassen sich im Gehirn, im Rückenmark und in der Physiologie des Körpers nachweisen. Laut Prof. Dr. Stefan Schmidt von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) stehen sie der Wirkweise pharmakologischer Interventionen in nichts nach, nur dass sie komplett ohne pharmakologische Nebenwirkungen auskommen und wahrscheinlich auch ohne Täuschung zu haben sind. Prof. Dr. Schmidt hält die Wortwahl Placeboeffekt für missverständlich, da das Placebo selbst für den Effekt nicht verantwortlich ist und es hier vielmehr um die „Stimulation körpereigener Heilungsprozesse“ geht.

Placebo Schulmedizin

Abbildung: Eine medizinische Intervention mit geringer spezifischer Wirksamkeit (ergo: niedriger Evidenz) kann einer Therapie mit hoher spezifischer Wirksamkeit (ergo: hoher Evidenz) überlegen sein, wenn sie die körpereigenen Heilungsprozesse über unspezifische Faktoren stärker stimuliert. Weitere Informationen: Wirksamkeitsparadox

Alles Placebo in der Schulmedizin?

Schaut man sich die neuesten Erkenntnisse der Placeboforschung an, so könnten so genannte Placeboeffekte sowohl in der konventionellen Medizin als auch in der Komplementärmedizin eine viel größere Rolle spielen als bisher angenommen. Einiges, was Medizinforscher bisher über Placeboeffekte zu wissen glaubten, hat sich als falsch erwiesen. Zu revidieren ist auch die Bedeutung, die in großen Teilen der Bevölkerung mit dem Begriff „Placeboeffekt“ assoziiert wird. Es handelt sich hier weder um eine eingebildete Wirkung (Sinnestäuschung) noch sind die Inhaltsstoffe der Scheinmedikamente kausal für die Wirkung verantwortlich. Placeboeffekte werden primär durch Erwartungen und Lerneffekte ausgelöst und verantworten im Gehirn, im Rückenmark und im Körper physiologische Prozesse, die denen von pharmakologischen Arzneimitteln teils sehr ähnlich sind.

Falsch ist auch die weit verbreitete Vorstellung, dass Placeboeffekte ein netter kleiner Bonuseffekt zusätzlich zum Verum wären. Meta-Analysen wie die von Kirsch et al. (PlosMed, 2008) zeigen, dass beispielsweise bei Antidepressiva Verumeffekte ein hässlicher kleiner Bonuseffekt zusätzlich zum starken Placeboeffekt sind. Hässlich deshalb, weil die winzigen Verumeffekte von einem großen Teil der behandelten Patienten trotz statistischer Signifikanz überhaupt nicht als Besserung wahrgenommen werden. Wahrgenommen werden hingegen die mit dem quasi unwirksamen Arzneimittel verbundenen Nebenwirkungen. Trotzdem führen diese Antidepressiva bei vielen Patienten zu einer spürbaren Verbesserung ihrer Symptome. Verantwortlich dafür ist jedoch fast ausschließlich der therapeutisch nützliche und effektive Placeboeffekt. Zu wenig hinterfragt wird allerdings, warum dieser Placeboeffekt allgemein akzeptiert wird (beispielsweise vom Chemiker und Mediziner Florian Holsboer, Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie), wenn er über ein therapeutisches Ritual unter Gabe von Antidepressiva generiert wird, während er in der Kategorie „Pfui – bah!“ landet, sobald die zeitaufwendige Anamnese einer naturheilkundlich arbeitenden Ärztin oder eines klassischen Homöopathen ähnliche Effekte – zusätzlich zu den spezifischen Effekten – auslöst.

Experten wie der Neurowissenschaftler Fabrizio Benedetti bringen die gewohnte Welt der Medizin durcheinander. Manches, was bisher als Verumeffekt eingestuft wurde, stellte sich als Placeboeffekt heraus. Anderes, was lange Zeit als Placeboeffekt abgewertet wurde, entpuppt sich als medizinisch hochgradig nützliches Ergebnis stimulierter Selbstheilung. Randomisierte Doppelblindstudien bzw. randomized controlled trials (RCTs), einst als Goldstandard der Medizinforschung gepriesen, erweisen sich als untauglich, Placeboeffekte valide zu messen. Kein Wunder, dass sich besonders zwei Gruppen im Aufwind wähnen könnnen: Auf der einen Seite Versorgungsforscher und auf der anderen Seite Therapeuten, welche die körpereigene Selbstheilung ganz ohne pharmakologische Nebenwirkungen stimulieren. Versorgungsforscher untersuchen die Summe aus spezifischen und unspezifischen Effekten im Praxisalltag. Die hier angesprochenen Therapeutinnen und Therapeuten sind große Meister darin, unspezifische Effekte auszulösen und die körpereigene Selbstheilung zu stimulieren.

Hier geht es zu einem spannenden Interview mit dem Psychologen Prof. Dr. Stefan Schmidt – Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse.

Beitragsbild: ©Pixabay

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