Komplementärmedizin: Interview mit NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens

Komplementärmedizin: Interview mit NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens

Seit Juli 2010 ist Barbara Steffens Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter in Nordrhein-Westfalen. Das Motto der Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen): „Ich bin in die Politik gegangen, um die Welt zu verändern“. Verändern will sie auch das Gesundheitssystem. Das habe sich zu weit von den Menschen entfernt: „Meist hat man eher die Abläufe im Blick und nicht die Frage, wie es den Patientinnen und Patienten dabei geht“, so Steffens.

Und wie schätzt Barbara Steffens das Verfahren der Komplementär- und Alternativmedizin (CAM) ein? Dieses wird nach Angaben des EU-geförderten Forschungsnetzwerks CAMbrella von immer mehr Bürgerinnen und Bürgern als Ergänzung der konventionellen Medizin gewünscht. Um diese Frage dreht sich das folgende Interview.

Barbara Steffens mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. FOTO: ©MGEPA/Sondermann

Barbara Steffens mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. FOTO: © MGEPA/Sondermann

Interview mit Barbara Steffens:

Frau Steffens, was halten Sie von Pluralismus in der Medizin?

Barbara Steffens: Zunächst steht für mich bei allen Fragen der medizinischen Versorgung der Mensch im Mittelpunkt. Es geht darum, die Ursachen von Erkrankungen zu erkennen, die Selbstheilungskräfte des Menschen zu aktivieren und auf unterschiedlichste Art zu unterstützen. Die Linderung oder Heilung von Erkrankungen oder wenigstens der Beschwerden sollten dabei im Vordergrund stehen.. Dabei muss es meines Erachtens immer um die ganzheitliche Betrachtung der Person gehen. Deshalb bin ich der Meinung, dass grundsätzliche Vielfalt in der Herangehensweise und im Zugang zu Patientinnen und Patienten nur hilfreich sein kann.

Welche Rolle kann dabei die Homöopathie spielen?

Barbara Steffens: Die Homöopathie ist durch ihre spezielle, ganzheitliche und den Menschen zugewandte Herangehensweise ein Weg dieser Versorgungsanforderung.

Was haben Sie in Ihrem Bundesland bisher auf den Weg gebracht, um die Komplementärmedizin zu fördern?

Barbara Steffens: Teile des Gesundheitssystems zeigen sich nach wie vor Ansätzen von Komplementärmedizin beziehungsweise integrierter oder integrativer Medizin gegenüber sehr ablehnend.

Diese immer wieder aufgebauten, inhaltlich aber real so nicht existierenden Gegensätze versuche ich auf allen Ebenen auszuräumen. Denn ich glaube, dass dies auch zur Sicherung eines Gesundheitssystems vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung notwendig ist.

Die Ursachen für Erkrankungen müssen wieder mehr in den Blick rücken und die Symptombehebung sollte als Teil eines Gesamtprozesses gesehen werden. Wenn wir statt einzelner medizinischer Leistungen den Menschen in seinem Gesamtzustand zum Maß einer erfolgreichen Therapie machen, kann Medizin effizienter und im Ergebnis besser werden.

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In Nordrhein-Westfalen gibt es zwei Krankenhäuser mit ausgewiesenen Stationen für Naturheilkunde und eine anthroposophische Klinik. Zudem gibt es zahlreiche Medizinerinnen und Mediziner, die im ambulanten und stationären Bereich in diesem Sinne praktizieren. Wir werden Nordrhein-Westfalen über eine bessere Vernetzung als Standort für Integrierte- Beziehungsweise Komplementärmedizin stärken.

Halten Sie es für sinnvoll, die ärztliche Homöopathie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen?

Barbara Steffens: Der Bundesgesetzgeber hat entschieden, den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) an einer evidenzbasierten Medizin auszurichten. An diesem Maßstab muss sich derzeit auch die Homöopathie messen lassen; auch wenn der Gesetzgeber der Homöopathie etwas entgegen gekommen ist.

Bei der Beurteilung von neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden hat der Gemeinsame Bundesausschuss nicht nur die Frage der Wirtschaftlichkeit zu beachten. Der jeweilige Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der jeweiligen Therapierichtung sind ebenfalls nicht außer Acht zu lassen. Hieran wird sich in der nächsten Zeit vermutlich nichts ändern.

Wir brauchen für die Homöopathie ein anderes, akzeptiertes Verfahren zum Wirksamkeitsnachweis, um die Frage der Kostenerstattung zu öffnen. Dass inzwischen einige gesetzliche Krankenkassen im Rahmen ihrer Satzungsleistungen auch die Kostenübernahme für homöopathische Leistungen anbieten, finde ich sehr positiv. Ich hoffe, dass die Erfahrungen daraus einen weiteren Erkenntnisgewinn für die Homöopathie in der GKV bringen werden. Denn gerade aus der Kinderheilkunde wissen wir, welchen Wert diese Versorgungsleistung hat.

Nur wenige Universitäten bieten Lehrinhalte der ärztlichen Homöopathie an. Sollten mehr Studiengänge zur Homöopathie eingerichtet werden?

Barbara Steffens: Studiengänge ausschließlich zur Homöopathie halte ich nicht für realisierbar. Aber es sollte meines Erachtens im Medizinstudium auch Raum vorhanden sein, sich neben den Inhalten der Schulmedizin mit alternativen Therapieformen auseinanderzusetzen. Dadurch können Medizinstudentinnen und -Studenten auch diese Tätigkeitsfelder bei der Ausrichtung ihres weiteren beruflichen Werdegangs angemessen prüfen.

Außerdem halte ich es für notwendig, auch im europäischen Kontext, die Frage der Akademisierung des Berufsbildes der Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker neu zu diskutieren. Ich habe dazu in Nordrhein-Westfalen zu einem offenen Dialog eingeladen und weiß, welche Ängste und Vorbehalte damit verbunden sind. Trotzdem bin ich überzeugt, dass ein Bachelor- und Master-Studiengang zu einer Aufwertung und höheren Akzeptanz vieler Therapieformen führen würde.

Aktuell gibt es in Deutschland rund 60.000 praktizierende Komplementärmediziner. Ist die Komplementärmedizin auch ein relevantes Thema für die Bundespolitik?

Barbara Steffens: Ja, auf jeden Fall!

Sie sind Biologisch-technische Assistentin und haben Chemie studiert. Ist es für Sie nicht ein Gegensatz, sich für die Homöopathie auszusprechen?

Barbara Steffens: Das wäre vielleicht so, wenn die Naturwissenschaften alles, was im menschlichen Körper geschieht, wirklich verstehen und erklären könnten. Aber nehmen wir nur das Beispiel der Demenzerkrankung. Hier stehen Wissenschaft und Forschung bei vielen Fragen immer wieder neu am Anfang. Deswegen halte ich den einfachen Satz „Wer heilt, hat recht“ im Kern für richtig.

Haben Sie schon einmal Erfahrungen mit der Homöopathie gemacht?

Barbara Steffens: Ja, seit über 20 Jahren sehr positive.

 

Links zum Thema:

CAMbrella: Ergebnisse aus drei Jahren europaweiter CAM-Forschung

„Komplementärmedizin auf dem Prüfstand“, Fachgespräch der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, 23.04.2008

 

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