Prost HomöopaTea – eine „Wissenschafts“-TV Kolumne

Die Welt ist eine Kugel. Und sie dreht sich. Die ganze Welt? Nein, einzelne und sicher sehr entlegene Bergdörfer sind hiervon ausgenommen. Deren Bewohner*Innen glauben, allein durch ihr überlegenes naturwissenschaftliches Wissen auch den Rest der Welt anhalten zu können.

Glauben wir es ihnen mal und gehen davon aus, es stimmt. Was bedeutet das für uns alle?

Nun, wie sich zeigt beim Blick in die Welt, die genauso wirkt wie zuvor: NICHTS*. Umgekehrt gibt es ja auch Fälle, in denen scheinbar „NICHTS“ wirkt. Ein ganzes Therapiesysteme hilft nachweislich mit scheinbar: Nichts**. Und das sogar im Vergleich zu Placebo (i.e. NICHTS). Wenn das kein Anreiz für wissenschaftliche Neugier ist, dann wissen wir auch nicht weiter. So ging es offenbar auch den Bewohnern der eingangs genannten Orte. Sie machten sich daher auf und suchten einfache Antworten auf komplexe Fragen, so wie Einstein. Es kam, wie es kommen musste: Pure Logik und die gezielte Ausblendung von ablenkenden Fakten führten sie zur Ultima ratio: Der Untersuchung der möglichen therapeutischen Wirkung von Abwasser. Doch auch hier fanden sie: Nichts. Da das frustrierend ist und das wiederum auf Dauer ungesund, entwickelten sie Thesen. In bester wissenschaftlicher Manier. Sie sprachen auch viel mit sich selbst und einigen anderen. Sie sprachen vor anderen, die sie liebevoll bestätigten. Und sie tanzten. All das ist gut für die Gesundheit und eine wertvolle Bewältigungsstrategie gegenüber dem erschütternden Gefühl des Nicht-Wissens, das uns alle von Zeit zu Zeit ereilt.

Wir trinken auch gerne Tee, besonders während wir auf den offenbar verspäteten Beginn einer Wissenschaftssendung warten. Irgendjemand muss doch endlich mal die Welt erklären! Derweil diskutieren wir die mögliche pharmakologische Wirkung von Gedanken wie „Wirkung ist, was man draus macht“. Auf was konnten wir uns bislang einigen? Leider auf nichts. Ein Beispiel: Es ist noch nicht hinreichend evidenzbasiert, dass das Trinken von frischem Wasser gesundheitliche Vorteile bringt. Vielen reicht da Erfahrung, aber andere brauchen Studien, bevor sie es glauben, d.h. es wirken kann. Apropos Studien – auch wenn es sie gibt**, ist nicht gesichert, dass sie jeder wahrnimmt (siehe erster Satz -> Bergdorf -> überlegenes Wissen).

Umgekehrt gibt es auch die homöopathische Potenzierung, die offensichtlich als Prinzip an ihre Grenzen stößt, wenn es um Wissen geht: Verdünntes Wissen wird nicht potenter, nur dünner. Dann aber wiederum werden Fehler, wenn man sie wiederholt, immer stärker. Und manchmal auch lustiger. Das soll uns mal jemand erklären – wir können es leider trotz langjähriger Beschäftigung mit den homöopathischen Prinzipien nicht.

Nur eins ist klar: Wasser bleibt Wasser. Man mag davon halten, was man will. Mit Homöopathie hat das leider nichts zu tun (der Wirkstoff wird in Ethanol gelöst), daher hier nur ganz am Rande und für die Suchmaschine. Wir haben den Eindruck, dass wir hier bislang etwas Wichtiges vergessen haben zu erwähnen: Das Wassergedächtnis! Es hat ebenfalls nichts mit Homöopathie zu tun und ist insofern hier auch erwähnenswert.

Ein Glück jedenfalls, dass zwar jeder – um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen – Tee herstellen darf, aber die Herstellung von Arzneimitteln strengen Prüfungen unterliegt, bei denen man normalerweise was findet? Genau, NICHTS! Zugegeben, wir sind hier sicher voreingenommen, wenn wir sagen, dass dieser große Aufwand mit Arzneimittelgesetzen, Richtlinien und Überprüfungen durch Expertenkommissionen, der zwar „nur“ hochpotenzierte Information darstellt und wo am Ende im Idealfall „nichts“ gefunden wird, erst die Wirkung erzielt: Dass das Wichtigste überhaupt geschützt und gefördert wird – die Gesundheit und Sicherheit der Patient*Innen. Mag sein, dass wir da ein wenig altmodisch sind, wenn wir Prozess und Ergebnis nicht verwechseln wollen.

Der Bergdoktor bleibt trotzdem eine Sendung, die wir mögen. Vielleicht gerade weil sie sich bemüht, Versöhnliches und gegenseitiges Verständnis in unsere so zerstrittene Welt zu bringen – das tut gut, bei all den ernsthaften Konflikten und Problemen, die uns derzeit bewegen.

Und wenn der Wissenschaftsgehalt eines unter großem persönlichem Erwartungs-Druck und zusammen mit vielen Beteiligten erstellten TV-Scripts niedriger wäre als sagen wir mal, eine C30 – wie schlimm wäre das schon? Unterhaltsam ist es jedenfalls. Und es ist ja auch so eine Sache mit den Etiketten. Manchmal Geschmacksache, Vorgabe vom Marketing und Vertrieb oder eine Sache der Perspektive.

Kurzum: Zum Wohl und Salute auf Humor, HomöopaTea und Harmonie! (Nur, kleiner Tipp am Rande für die experimentierfreudigen Chemiker unter euch: besser nicht mit Belladonna-Tea. Vielleicht lieber Crocus C30 oder so. Kam neulich was dazu im Fernsehen, es ist also bestimmt super.)

Wir schließen mit den großen Worten von Sir Isaac Newton: „Was wir wissen, ist ein Tropfen – was wir nicht wissen, ein Ozean.“

In diesem Sinne: Bleibt gesund und falls das mal nicht gelingt, verwendet bitte nur geprüfte Arzneimittel. Und fragt im Zweifel euren Arzt, Heilpraktiker oder Apotheker.

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*Selbst für eine Erstverschlimmerung gibt es keine Anzeichen.

** Studien, wie zum Beispiel

PD Dr. Stephan Baumgartner

Prof. Dr. Michael Frass

  • Frass, M., Friehs, H., Thallinger, C., Sohal, N. K., Marosi, C., Muchitsch, I., . . . Oberbaum, M. (2015). Influence of adjunctive classical homeopathy on global health status and subjective wellbeing in cancer patients A pragmatic randomized controlled trial. Complementary Therapies in Medicine, 23(3), 309317 – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26051564/ 

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