Horst Güntherroth über den „Siegeszug der Globuli“. Promotion für das Buch die „Homöopathie-Lüge“

Horst Güntherroth über den „Siegeszug der Globuli“. Promotion für das Buch die „Homöopathie-Lüge“

Der Journalist Horst Güntheroth kommt in seinem Stern-Artikel „Der Siegeszug der Globuli“ vom 11. Oktober aus dem Staunen nicht mehr raus: „Jeder zweite Bundesbürger greift schon mal zu homöopathischen Arzneien. Die Zahl der Ärzte mit homöopathischer Zusatzausbildung hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre verdreifacht“, so der Autor. Die Techniker Krankenkasse erstatte neben vielen anderen Kassen ihren 8,1 Millionen Versicherten homöopathische Behandlungen. Die über 200 Jahre alte Lehre der Homöopathie sei heute enorm erfolgreich, so Güntherroth. „Millionen von Patienten vertrauen ihr, Ärzte, Apotheker und Politiker propagieren sie. Wie kann das sein?“

 

„Der Siegeszug der Globuli“, Stern Nr. 42 vom 11.10.2012 - Homöopathie-Lüge

„Der Siegeszug der Globuli“, Stern Nr. 42 vom 11.10.2012

Wichtige Studien werden ignoriert

Beim „Siegeszug der Globuli“ handelt es sich um eine Promotion für das aktuell erschienene Buch „Die Homöopathie-Lüge von Stern-Redakteurin Nicole Heißmann und Christian Weymayr. Dieser ist Mitglied der zur streng dogmatischen „Skeptiker“-Bewegung gehörenden Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Horst Güntheroth wirbt in seinem Artikel ausgiebig für die Publikation seiner Kollegin. Sowohl im Fließtext als auch in Form des Buchtipps preist er das Buch an und nimmt darüber hinaus die gleiche Argumentationslinie auf.

„Homöopathie hat keine wissenschaftliche Grundlage“, ist sich Güntheroth sicher. Er vertritt damit die gleiche These wie Heißmann und Weymayr, auf der das ganze 336 Seiten lange Buch aufbaut. Die Homöopathie sei eine „Irrlehre“, da homöopathische Arzneien keine pharmakologische Wirkungen haben können. „Damit ignoriert der Autor zum einen eine ganze Reihe vorliegender positiver Studien zur Homöopathie, die dem sogenannten Goldstandard entsprechen, also doppelblind und placebo-kontrolliert durchgeführt wurden. Zum anderen werden Studien aus der Versorgungsforschung – per Definition die Erforschung von Heilmethoden unter alltäglichen Praxisbedingungen – offenbar für wissenschaftlich nicht relevant gehalten“, erklärt Curt Kösters, homöopathischer Arzt und Mitbegründer der wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie (WissHom).

Unerwünschte Antworten des DZVhÄ

Der Stern stellte vor der Veröffentlichung der 1. Vorsitzenden des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), Cornelia Bajic, zahlreiche Fragen. Letztendlich wurde jedoch kein Statement von Bajic abgedruckt. Die Antworten passten wohl nicht in die Linie der Berichterstattung. So fragte der Stern beispielsweise: „Haben Sie kein schlechtes Gewissen, weil Sie als homöopathische Ärztin nicht nach der evidenzbasierten Medizin arbeiten?“ Die Antwort von Cornelia Bajic: „Niedergelassene Ärzte arbeiten heute insgesamt nur zu einem geringen Bruchteil evidenzbasiert. Das gilt für konventionelle Mediziner wie für Ärzte, die die Komplementärmedizin einsetzen.“ Weiter erklärte die 1. Vorsitzende des DZVhÄ: „Wir würden uns wünschen, stärker evidenzbasiert arbeiten zu können – doch soweit sind wir heute noch nicht.“ Das Deutsche Ärzteblatt bestätigt die Einschätzung von Bajic; laut der zweiten „Umfrage der Bundesärztekammer zur Situation der ärztlichen Weiterbildung“ sind Weiterbildungsangebote „zu Lerninhalten der evidenzbasierten Medizin“ auch weiterhin die „mit der schlechtesten Bewertung“ durch die befragten Ärzte.

Stern.de: „Gegen die Globulisierung“

Auch auf Stern.de wird kräftig für das Buch geworben. Unter dem Titel „Gegen die Globulisierung“ wird die Argumentationslinie der Buchautoren fleißig wiederholt. „Wer Homöopathie für möglich hält, muss alles für möglich halten, muss ebenso an Voodoo und Verschwörungstheorien glauben.“ Warum das so ist? Ganz einfach: Weil in homöopathischen Mitteln oft kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthalten ist. Homöopathie sei also „Esoterik in Reinkultur“. Den Autoren der „Homöopathie-Lüge“ ist es daher unerklärlich, weshalb die Homöopathie „in allen Bereichen des Gesundheitswesens verankert“ sei. Ihr Fazit: Eine mächtige Homöopathie-Lobby ist dafür verantwortlich.

Eine andere Möglichkeit der Interpretation bleibt auch nicht übrig, wenn man – wie die Autoren es tun – den bisher wissenschaftlich ungeklärten Wirkmechanismus von Hochpotenzen als Totschlagargument gegen die Homöopathie heranzieht. Vor diesem Hintergrund müssen alle Ärzte, Patienten und Forscher, die die Homöopathie befürworten, „verrückt“ sein. Auch Stern.de fragte bei der DZVhÄ-Vorsitzenden Bajic zum Thema Homöopathie-Forschung an. Die Antwort von Bajic: „In den USA wird die komplementärmedizinische Forschung jährlich mit mindestens 120 Millionen Dollar gefördert“, wollte Stern.de nach bereits erfolgter Autorisierung jedoch nicht publizieren.

Cochrane Collaboration: „Mehr Forschung zur Homöopathie ist erforderlich“

Zu den strengsten Hüterinnen der evidenzbasierten Medizin (EbM) gehört die Cochrane Collaboration. Sie bestimmt international, was nach EbM-Kriterien wirksam ist oder nicht. Das streiten auch Weymayr und Heißmann in ihrem Buch nicht ab. „Wenn einer der inzwischen über 4.600 Cochrane Reviews den Nutzen eines Verfahrens bescheinigt, kommt das einem Ritterschlag gleich“. In fünf Reviews wurden bisher Studien zum Einsatz der Homöopathie analysiert. Und zwar gegen chronisches Asthma, Demenz, Aufmerksamkeitsschwächen, die Nebenwirkungen von Krebsbehandlungen und für das Auslösen von Wehen. Allein das halten die Autoren der „Homöopathie-Lüge“ für eine Art Skandal. Denn es sei „bereits als Zugeständnis an eine mögliche Wirksamkeit zu werten, dass die Cochrane Collaboration sich der Lehre Hahnemanns überhaupt annimmt.“

Die Ergebnisse der Cochrane-Reviews zur Homöopathie sprechen eine andere Sprache. Jede Review fordert weitere Forschungen zur Homöopathie. Die Wirksamkeit homöopathischer Arzneien wird generell für möglich gehalten und die Review zur Krebstherapie bescheinigt der Homöopathie „positive Effekte“. Laut Weymayr und Heißmann sind auch diese Ergebnisse das Werk einer internationalen Homöopathie-Lobby. Diese mache ihren Einfluss sogar bis auf die Reviews der Cochrane Collaboration geltend.

„Die Homöopathie muss kategorisch aus der Wissenschaft verbannt werden“

Weymayr und Heißmann sind der Meinung, die Homöopathie dürfe auf keinen Fall weiter erforscht werden. Dafür haben sie einen neuen Begriff erfunden: Die Homöopathie sei „nicht scientable“. Was das heißt? Die Homöopathie soll nicht weiter erforscht werden, da diese dem heutigen Wissen der Physik und Chemie widerspreche. Die Wirksamkeit homöopathischer Arzneien sei nicht auf eine klassische pharmakologische Wirkung zurückzuführen. Eine Wirksamkeit von Homöopathika jenseits einer pharmakologischen können und wollen die Autoren nicht gelten lassen. Und hier liegt das Problem. Denn aus dieser Perspektive heraus können die Autoren gar nicht anders, als jede positive Studie zur Homöopathie als Fehler, Zufall oder Machwerk einer „mächtigen Homöopathie-Lobby“ zu bewerten. Deshalb kommen die Autoren zur letzten Konsequenz: Sie fordern die „Säuberung“ von Medizin und Wissenschaft durch entsprechende Homöopathie-Verbote.

Folgt man dieser Sichtweise, so wäre der nächste logische Schritt, all jene Bücher zu verbrennen, die auf der Grundlage subjektiver und pseudo-rationaler Kriterien als „nicht scientable“ eingestuft werden. Wie gut, dass unser Grundgesetz in Artikel 5, Absatz 3 die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre nicht nur gewährleistet sondern sie sogar als Grundrecht einstuft.

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