“Die Homöophatie wendet sich den seelischen Ursachen von Suchterkrankungen zu”

“Die Homöophatie wendet sich den seelischen Ursachen von Suchterkrankungen zu”

Herr Ziehaus, welche Suchterkrankungen lassen sich homöopathisch behandeln?

Im akuten Entzug – also in der Entzugsbehandlung von Substanzen wie Alkohol, Opiaten, Benzodiazepinen oder Cannabis – ist der Einsatz von homöopathischen Mitteln gut möglich. Auf der anderen Seite hat sich die Homöopathie auch in der Erhaltungsbehandlung, der Rückfallprophylaxe gut bewährt. Da ist keine Substanz ausgenommen.

Dr. med. Otto Ziehaus arbeitet im Medizinischen Versorgungszentrum Spandau Arcaden, ist Facharzt für Nervenheilkunde und Homöopath in Berlin. Seit über zehn Jahren behandelt er Patienten mit Suchterkrankungen.

 

Gehören Rückfälle bei der Behandlung normalerweise mit dazu?

Ja. Früher hat man Patienten immer dafür verurteilt, hat sie als willensschwach bezeichnet. Heute versteht man das als Teil der Suchterkrankung und arbeitet mit Rückfällen. Man geht auf die Patienten ein und versucht die Situationen herauszuarbeiten, bei denen beim Patienten der sogenannte „Suchtdruck“ entsteht. Das Verlangen, wieder Alkohol, Opiate oder das jeweilige Suchtmittel zu konsumieren. So wird deutlich, welche Situationen der Patient vermeiden sollte. Er kann sich besser vorbereiten, wenn er weiß: „Diese Situation ist gefährlich für mich“. Das klassische Beispiel dafür ist, wenn man an der Eckkneipe vorbeigeht, und das warme Licht scheint durch die Scheibe. Dieser starke Schlüsselreiz setzt im Gehirn des Patienten Neurotransmitter frei. Und diese Freisetzung – vor allem von Dopamin – führt dazu, dass die Patienten gar nicht mehr unter Kontrolle haben, ob sie hineingehen oder nicht.

Wie funktioniert die homöopathische Behandlung während des Entzugs?

Ich setze homöopathische Mittel durchaus krankheitsspezifisch ein, weil wir wissen, dass bestimmte Mechanismen auf neuronaler Basis ablaufen, die je nach Suchtmittel ganz ähnlich sind. Eine Individualisierung der homöopathischen Arznei kommt dann infrage, wenn es durch die Symptomlage des Patienten angezeigt ist: Steht die Angst und Erschöpfung im Vordergrund, setze ich Arsenicum ein. Wenn ich sehe, dass beim Patienten Gewaltfantasien im Vordergrund stehen und eine Impulskontrollstörung vorliegt, gebe ich häufig Stramonium. Bei Affektlabilität kommt Belladonna zum Einsatz. Eine Individualisierung kann also ein Bestandteil der Mittelwahl sein. Es gibt aber eine Reihe von homöopathischen Arzneien, die wie „bewährte Indikationen“ eingesetzt werden können.

Kombinieren Sie bei der Behandlung von Suchkranken Homöopathie mit konventioneller Medizin?

Wir arbeiten immer integrativ. Also mit einer Kombination aus konventioneller Therapie und homöopathischer oder anthroposophischer Behandlung. Einen schweren Alkoholentzug muss man zum Beispiel herkömmlich überwachen. Interview „Der Vorteil der Homöopathie ist, dass sie sich den seelischen Ursachen von Suchterkrankungen zuwendet“ Da reicht Homöopathie oder anthroposophische Medizin allein nicht aus. Wenn schwere Entzugserscheinungen kommen, dann muss man Substanzen wie Clomethiazol oder Diazepam geben, die das Gleichgewicht der Botenstoffe wieder herstellen. Problematisch ist, dass diese Mittel ein hohes Abhängigkeitspotenzial besitzen.

Gibt es Suchterkrankungen, bei denen sich unter homöopathischer Begleittherapie besonders positive Verläufe zeigen?

Ich behaupte, dass die Homöopathie bei Patienten mit besonders schweren Suchterkrankungen eine gute Herangehensweise ist. Das ist die Erfahrung, die ich vor allem im Vivantes Klinikum Spandau gemacht habe. Da waren Patienten, die sich verloren fühlten, die keine Hoffnung mehr hatten, die bereits 30 bis 40 Entzugsbehandlungen gemacht haben, und die schon drei oder vier Entwöhnungsbehandlungen über mehrere Monate hinter sich hatten. Ich habe angefangen, diese Patienten homöopathisch zu behandeln. Und sie haben sich auf einem Niveau stabilisiert, das für sie ein vernünftiges Leben ermöglichte. Rückfälle kamen auch während der homöopathischen Therapie vor. Aber in einer schwächeren Intensität. Insbesondere in der Nachbeobachtung zeigte sich, dass viele dieser Patienten positive Veränderungen durchmachten, die teilweise erheblich waren.

Was sind aus Ihrer Sicht die schwersten Abhängigkeiten?

Die Schwere der Abhängigkeit lässt sich nicht eindeutig am Suchtmittel festmachen. Patienten mit einer Heroinabhängigkeit sind die, die seelisch oft am schwersten krank sind. 80 bis 100 Prozent dieser Menschen haben schwere traumatische Erfahrungen gemacht. Andererseits verursacht die Alkoholabhängigkeit allein durch ihre weite Verbreitung in der Gesellschaft sehr viel Leid.

Sie waren auch Projektleiter einer Studie zum Thema Homöopathie bei Suchterkrankungen. Was waren zentrale Ergebnisse?

Die Studie wurde am Vivantes Klinikum Spandau durchgeführt, die meisten teilnehmenden Patienten waren alkoholabhängig. Die Untersuchung hat gezeigt, dass sich die Anwendung homöopathischer Arzneimittel bei Abhängigkeitserkrankungen als Ergänzung zur konventionellen Behandlung in der Regelversorgung bewährt hat. Insbesondere bei sehr schwer erkrankten Patienten wurden Verbesserungen erzielt, die man nicht erwartet hätte. Alle Patienten waren sozial entwurzelt und konnten am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilnehmen. Trotzdem haben sie auf die homöopathischen Mittel positiv reagiert. Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Studie ist, dass die Kombination aus konventioneller Therapie und Homöopathie gut funktioniert. Das ist kein Widerspruch. Ich gebe oft Antidepressiva und Homöopathika zusammen. Das Eingehen auf das Leid der Patienten steht an erster Stelle. Nach der homöopathischen Erstanamnese behandle ich den Patienten zusätzlich zu seiner konventionellen Medikation mit Homöopathie. Und sobald es mir möglich erscheint, gehe ich beim Antidepressivum mit der Dosis runter. Das komplette Ausschleichen gelingt nicht immer, dann gebe ich es in einer niedrigen Dosierung weiter. Es geht nicht darum, eine Behandlung vorzuziehen. Es geht vielmehr darum, auf das Leiden der Patienten individuell zu reagieren. Der Erfolg der homöopathischen Behandlung wurde in der Studie über die Anzahl der Rückfälle gemessen. Bei 30 Prozent der Patienten konnte eine deutliche Reduktion der Rückfälle bis hin zu keinen Rückfällen festgestellt werden. Bei der langfristigen Behandlung von Alkoholabhängigen haben sich Lycopodium und Arsenicum als wichtige homöopathische Mittel herausgestellt.

Ist es möglich, die Tabakentwöhnung homöopathisch zu unterstützen?

Ja, auch die Entwöhnung von Nikotin mithilfe der Homöopathie funktioniert gut. Das habe ich mit Patienten schon erfolgreich gemacht.

Kann man sich präventiv vor einer Suchterkrankung schützen?

Ja, das ist möglich. Seelische Erkrankungen sind die Grundlage für eine Abhängigkeit. Es gibt keine Suchterkrankung ohne seelische Begleitstörung, die mal mehr und mal weniger ausgeprägt ist. Wenn jemand in jungen Jahren seelische Probleme hat und diese homöopathisch behandelt, dann hat das einen prophylaktischen Effekt auf die Entwicklung dieser Person. Die Wahrscheinlichkeit ist dann geringer, dass dieser Mensch im Laufe seines Lebens eine Suchterkrankung entwickelt. Ein gutes Beispiel dafür ist die erfolgreiche homöopathische Behandlung sogenannter ADHS-Kinder, die Dr. med. Heiner Frei durch mehrere Studien belegt hat. Solche Behandlungen sind letztlich Suchtprävention, da bei etwa 40 Prozent der Erwachsenen mit ADHS gleichzeitig eine Suchterkrankung vorliegt. Der Vorteil der Homöopathie ist, dass sie sich den seelischen Ursachen von Suchterkrankungen zuwendet, und nicht bei der Symptombekämpfung stehen bleibt.

Wie stehen Sie persönlich zu potenziellen Suchtmitteln?

Ich gehe von Jahr zu Jahr immer bewusster mit Suchtmitteln um. Seit vier Jahren rauche ich nicht mehr. Alkohol trinke ich selten. Ein spezielles Problem unter Ärzten scheint mir Kaffee zu sein. Doch auch da habe ich Phasen, in denen ich gar keinen Kaffee trinke.

Foto: iStockphoto

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