“Wir müssen den Blick weiten, traditionelle Therapien und Schulmedizin verbinden, die Mauern zwischen beiden Welten abtragen.”

“Wir müssen den Blick weiten, traditionelle Therapien und Schulmedizin verbinden, die Mauern zwischen beiden Welten abtragen.”

Rede von Cornelia Bajic, 1. Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), zur Eröffnung des Deutschen Ärztekongresses für Homöopathie 2019:

[…] Ich begrüße Sie sehr herzlich zur 167. Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, dem Deutschen Ärztekongress für Homöopathie hier in Stralsund, für den Frau Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die Schirmherrschaft übernommen hat.

Unter dem Motto die „Homöopathie und das Meer – Vom Ursprung des Lebens“ treffen sich rund 600 Ärzte, um in ihrer Heilmethode dazu zu lernen und sich auszutauschen.

Vor 200 Jahren vom deutschen Arzt Dr. Samuel Hahnemann begründet, hat sich die Homöopathie bis heute auf der gesamten Erde verbreitet. Laut WHO ist sie die zweithäufigste Heilmethode auf unserem Planeten. Trotz alledem oder vielleicht gerade deswegen ist sie seit 200 Jahren umstritten.

Unsere direkten Nachbarn, die Schweizer, haben die Homöopathie mittlerweile voll in ihr Gesundheitssystem integriert

In Indien ist die Homöopathie seit Jahrzehnten eine tragende Säule des Gesundheitssystems, mit mehreren Hunderttausenden ausgebildeten homöopathischen Ärzten. Aber auch unsere direkten Nachbarn, die Schweizer, haben die Homöopathie mittlerweile voll in ihr Gesundheitssystem integriert. In Deutschland erstatten aktuell zwei Drittel der gesetzlichen Krankenversicherungen die Kosten einer ärztlich-homöopathischen Behandlung. Und etwa die Hälfte erstatten auch die Kosten für homöopathische Arzneimittel.

Sind diese Entwicklungen der Hintergrund dafür, dass wir uns in Deutschland seit etwa drei Jahren einer ausgewachsenen Anti-Homöopathie-Kampagne ausgesetzt sehen? Ist der globale Erfolg der Homöopathie eine Erklärung dafür, dass auch in weiteren Ländern wie Frankreich oder Spanien Pressure-Groups systematisch versuchen, die Homöopathie zu diskreditieren? Und auch auf anderen Kontinenten treten Lobby-Gruppen auf – finanziell offenbar bestens ausgestattet – die mit dem Ziel agieren, die Homöopathie in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen.

Viele meiner ärztlichen Kollegen stellen sich ebenfalls diese Fragen: Warum ereifern sich Kritiker so sehr und führen weltweit Anti-Homöopathie-Kampagnen, um den Menschen zu beweisen, dass nichts drin und nichts dran ist an der Homöopathie? Wäre es nicht logisch, dass eine Heilmethode, die keinerlei Effekt haben soll, selbstlimitierend ist? Sich schon gar nicht in andere Länder ausbreiten kann, und das 200 Jahre lang?

Ist es nicht erstaunlich, dass eine solche Kampagne ausgerechnet jetzt, wo die Limitationen der konventionellen Medizin immer offensichtlicher werden – ich nenne nur das Problem der Antibiotikaresistenzen – mit einer solchen Wucht gefahren wird? Aber vielleicht ist das auch gar nicht erstaunlich, sondern ein weiterer Beweis dafür, wie potent diese Heilmethode ist. Und kostengünstig obendrein.

Blicken wir kurz zurück in die Geschichte

Um das Spannungsfeld der Homöopathie und der etablierten Medizin unterschiedlicher Zeiten zu verstehen, blicken wir kurz zurück in die Geschichte. Samuel Hahnemann schrieb im Jahr 1808 in einem Brief an Hufeland: „Ich machte mir ein empfindliches Gewissen daraus, unbekannte Krankheitszustände bei meinen leidenden Brüdern mit diesen unbekannten Arzneien zu behandeln, die als kräftige Substanzen, wenn sie nicht genau passen, (und wie konnte sie der Arzt anpassen, da ihre eigentlichen speziellen Wirkungen noch nicht erörtert waren?) leicht das Leben in Tod verwandeln […] Auf diese Weise ein Mörder oder Verschlimmerer des Lebens meiner Menschenbrüder zu werden, war mir der fürchterlichste Gedanke, so fürchterlich und ruhestörend für mich, daß ich in den ersten Jahren meines Ehestandes die Praxis ganz aufgab und fast keinen Menschen mehr ärztlich behandelte, um ihnen nicht noch mehr zu schaden und bloß – wie Sie wissen – mich mit Chemie und Schriftstellerei beschäftigte.“

Bei allem Respekt und auch Liebe zur Medizin: Wo stehen wir heute? Diese Worte könnten auch aus meinem Munde stammen, wenn ich verschiedene Therapien unserer Zeit betrachte. Wenn wir uns als Ärzte kritisch hinterfragen: Welche Therapien empfehlen wir heutzutage, und wie viel davon ist wirklich evidenzbasiert? Mit welchen Therapien schaden wir sogar und verursachen zusätzliches Leid statt Linderung? Welche Therapien werden zu Hauf angewandt und haben einen fragwürdigen Nutzen oder funktionieren in der Praxis einfach nicht? Kurz gesagt: Welche Methoden sollten wir als Ärzte heute einsetzen, um dem noch immer gültigen und obersten Gebot „primum nihil nocere“ möglichst gut zu entsprechen? – Diesen Gedanken müssen wir uns als Ärzte stellen, und nicht, wie es bedauerlicherweise häufig der Fall ist, den Pharmaunternehmen und Studien, die aus der Wirtschaft kommen, das Denken und Steuern überlassen.

Ich schätze die Errungenschaften der modernen Medizin – die Liste ist lang

Ich möchte richtig verstanden werden: Ich schätze die Errungenschaften der modernen Medizin, sie hat den Menschen sehr viel Gutes gebracht, ich nenne nur die Intensivmedizin oder die Methoden der Chirurgie – Die Liste ist lang.

Dennoch müssen wir kritisch mit uns ins Gericht gehen, wenn wir in der täglichen Praxis immer wieder Patienten sehen, bei denen wir mit konventionellen Behandlungen keine Besserung erzielen, sie an Grenzen stößt oder Schaden anrichten. – So wie Hahnemann es zu seiner Zeit getan hat.

An diesem Punkt ist der Arzt gefragt, der integrative Medizin praktiziert

Was kann da die Lösung sein? Wie können wir uns dem Optimal-Zustand annähern? Meine Hypothese dazu: den Blick weiten, auch traditionelle Therapieverfahren und „Schul-“ Medizin miteinander verbinden die Mauern zwischen beiden Welten abtragen.

Genau an diesem Punkt ist der Arzt gefragt, der integrative Medizin praktiziert. Er ist das Bindeglied zwischen beiden Welten. So haben homöopathische Ärzte eine zusätzliche Kompetenz erworben und haben auf diese Weise eine weitere Möglichkeit, ihren Patienten zu helfen. Aber da sind nicht nur Homöopathen, sondern auch andere Kollegen, die Akupunktur oder Naturheilkunde anwenden, sie alle haben zusätzliche Qualifikationen, die sie im Sinne der integrativen Medizin einsetzen.

Und was ist das nun, integrative Medizin? Integrative Medizin ist die Synthese von konventionellen und komplementären Therapiemethoden zu einem sinnvollen Gesamtkonzept auf wissenschaftlicher Basis. Sie fußt auf ärztlicher Kompetenz in beiden Bereichen und verbindet pathogenetische und salutogenetische Therapiemethoden. Das ist die Medizin der Zukunft!

Unser Nachbarland, die Schweiz, ist da, wie erwähnt, schon viel weiter. Der Gesamtbundesrat hatte im Jahre 2017 beschlossen, dass unter anderem die Homöopathie den so genannten WZW-Nachweis – wissenschaftliche Belege zur Wirksamkeit, zur Zweckmäßigkeit und zur Wirtschaftlichkeit der Methode – erfüllt. Die Homöopathie wurde daher zeitlich unbegrenzt in den Leistungskatalog der Schweizer Grundversicherung aufgenommen.  

79 Prozent der Deutschen Bevölkerung begrüßen Integrative Medizin nach Schweizer Vorbild

In der jüngsten Forsa Umfrage zum Thema Homöopathie im Auftrag des DZVhÄ – bisher noch unveröffentlicht – wurden unsere Bürgerinnen und Bürger repräsentativ dazu befragt, ob sie es begrüßen, wenn das Schweizer Modell einer Integrativen Medizin in Deutschland umgesetzt würde, wobei Zitat:  „konventionelle Medizin (Schulmedizin) und Heilmethoden der besonderen Therapierichtungen wie Naturheilkunde und Homöopathie von Ärzten eingesetzt werden können und von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt werden“. Das Ergebnis: 79 Prozent der Deutschen Bevölkerung würden Integrative Medizin nach Schweizer Vorbild begrüßen, nur 11 Prozent lehnen es ab, und 10 Prozent trauten sich dazu keine Meinung zu („weiß nicht“).

Zusammengefasst: Die wissenschaftlichen Grundlagen stimmen, das zeigen zahlreiche Studien aus der Homöopathie-Forschung. Die Bevölkerung wünscht es und steht dahinter, die Ärzte wenden es bereits vielfach an. Liebe Politiker, lieber Herr Spahn, worauf warten Sie noch? – Integrieren Sie die Integrative Medizin ins deutsche Gesundheitssystem und setzen Sie damit ein Zeichen für die Zukunft der Medizin in Deutschland!

Wir bedanken uns deswegen noch einmal abschließend sehr herzlich bei der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Frau Schwesig, für die Übernahme der Schirmherrschaft zu diesem Kongress und ihre damit bekundete politische Weitsicht und Vernunft.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen und interessanten Deutschen Ärztekongress für Homöopathie 2019. Vielen Dank.

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