Homöopathie: Fördert Kritik die Popularität?

Homöopathie: Fördert Kritik die Popularität?

Seit einigen Jahren bemüht sich eine überschaubare aber laute Gruppe in Deutschland um die Abschaffung der Homöopathie. Die Vorstöße der Kritiker laufen allerdings weitgehend ins Leere: Die Ärzteschaft – auch der Präsident der Bundesärztekammer – sprachen sich in diesem Frühling deutlich für die Homöopathie im Weiterbildungskatalog der Bundesärztekammer aus. Und die Beliebtheitswerte für die Homöopathie steigen in repräsentativen Befragungen ebenso wie aktuell der Absatz und Umsatz mit homöopathischen Arzneimitteln.

„Landauf, landab und quer durch alle TV-, Hörfunk, Print- und Online-Formate schwappte in der jüngeren Vergangenheit eine Welle heftiger Homöopathiekritik. Der Bevölkerung war sie offenbar herzlich egal“, erklärt die Ärztezeitung in einem Leitartikel seinen Lesern. Das Handelsblatt griff das Thema ebenfalls auf und spricht von einer „vor allem über die sozialen Medien laufende Kampagne gegen alternative Heilmethoden“. Und die Frankfurter allgemeine Sonntagszeitung (FAS) brachte die Meldung „Deutsche kaufen mehr Globuli“ sogar auf der Titelseite am vergangenen Sonntag. Der dazugehörige Artikel im Ressort „Leben“ mit dem Titel „Die Globulisierung und ihre Gegner“ diagnostiziert zur Homöopathie-Kritik: „Nur die Patienten bleiben unbeeindruckt – und kaufen wieder mehr Kügelchen“.

Freie Therapiewahl versus Bevormundung

Die Homöopathie könne „Quote bringen“ erklärt die Ärztezeitung zum Thema: „Die ganze – wahrnehmbare – Republik schien auf einmal über Globuli zu reden.“ Zwischen der öffentlichen und veröffentlichten Meinung gibt es im Fall der Homöopathie jedoch deutliche Unterschiede. Immer mehr Menschen wenden sich ihr zu und sprechen sich für eine Integrative Medizin in Deutschland aus – nach dem Vorbild der Schweiz.

Laut dem Ergebnis einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts Kantar TNS, die im Juli 2018 veröffentlicht wurde, sprechen sich 75 Prozent der Bevölkerung für eine Integrative Medizin aus. Also für „das Miteinander von Schulmedizin und ergänzenden Therapien wie Naturmedizin und Homöopathie.“

Und wie wird kritische Berichterstattung bewertet? Nur jeder vierte Bürger hat überhaupt eine betont kritische Berichterstattung zur Homöopathie wahrgenommen. Explizit auf die Kritik angesprochen empfinden rund 70 Prozent der Befragten die Kritik für einseitig und überzogen. 68 Prozent fühlen sich von der Aussage der Kritiker, die Homöopathie wirke nicht, bevormundet.

Die Ärztezeitung schließt ihren Artikel mit dem Urteil: „Für den Versorgungsalltag lässt sich daraus nur schlussfolgern, dass die Grundfesten der KAM-Behandlung (Anm. d. Red.: komplementärmedizinischen Behandlung) in Deutschland nicht zu erschüttern sind.“ Laut Hufelandgesellschaft, dem Dachverband der Ärztegesellschaften für Naturheilkunde und Komplementärmedizin, führen etwa “60.000 Ärzte eine oder mehrere Zusatzbezeichnungen (Akupunktur, Homöopathie, Manuelle Medizin, Naturheilverfahren, Physikalische Therapie und
Umweltmedizin). Fast 60 Prozent der Hausärzte (rund 36.000 Ärzte)
praktizieren eine oder mehrere komplementärmedizinische Methoden.”

FAS bringt Globuli-Zahlen auf Titelseite

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) hat am vergangenen Sonntag (28.10.18) neue Zahlen zum Umsatz und Absatz mit homöopathischen Arzneien veröffentlicht. In einer Meldung auf der Titelseite berichtete sie über die aktuellste Entwicklung. „Deutsche kaufen mehr Globuli“, so die Überschrift. „Das geht aus Zahlen des Marktforschungsinstituts IQVIA hervor, die dieser Zeitung vorliegen“, so die FAS.

Die FAS fragte offenbar bei IQVIA die Zahlen von Januar bis August 2018 an – im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum 2017.

Der Umsatz ist demnach gewachsen, „um fast sechs Prozent auf rund eine halbe Million Euro“, so die FAS. Auch der Absatz von Globuli und Co. steigt laut FAS. Demnach „stieg der Absatz homöopathischer Arzneien von Januar bis August gegenüber dem gleichen Zeitraum 2017 um knapp drei Prozent.“

Dabei sei die Zahl der homöopathischen Mittel, die ohne Rezept abgegeben wurden, um dreieinhalb Prozent gestiegen. Gleichzeitig seien die Verordnungen durch Kassenärzte zurückgegangen.

Mit diesen Zahlen hat die FAS die aktuellsten Wirtschaftsdaten zum Thema homöopathische Arzneien veröffentlicht. Bisher waren nur die Halbjahresvergleiche in Umsatz und Absatz bekannt, die der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte bei IQVIA angefragt hatte.

Die neuen Zahlen flossen auch in einen langen Artikel der FAS im Ressort „Leben“ ein, der auch bereits auf faz.net veröffentlicht wurde.

Nachfrage bei Krankenkassen wächst weiter

Im September 2018 veröffentlichte das Deutsche Finanz-Service Institut GmbH (DFSI) seine jährliche Studie zur Kundenorientierung der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland. Bei ihrer statistischen Auswertung der 50 am stärksten nachgefragten Krankenkassenleistungen stellt die Studie die Kundensicht in den Mittelpunkt. Im Ranking der am häufigsten nachgefragten Leistungen rückt die Homöopathie im Vergleich zum letzten Jahr laut Handelsblatt einen Platz auf und liegt nun auf dem 5. Platz.

„Egal wie man dazu steht, es ist eine Tatsache, dass fast ein Drittel aller Suchabfrage diese Alternativmedizin beinhaltet. Eine Krankenkasse, die sich einem Leistungswettbewerb stellen will (und aus politischen Willen soll) kommt daher kaum ohne entsprechenden homöopathischen Angebot aus.“ (DFSI)

So stellt sich die Frage: Fördert Homöopathie-Kritik in den Medien ihre Popularität?

Homöopathie bei Schweizer Nachbarn fest verankert

Derzeit erstatten in Deutschland rund zwei Drittel der Krankenkassen die Behandlungskosten für ärztliche Homöopathie. Vielen Deutschen ermöglicht das bereits einen Zugang zur homöopathischen Therapie beim Arzt. In der Schweiz ist die Homöopathie bereits komplett integriert: Mitte 2017 wurde die Homöopathie in die obligatorische Schweizer Grundversicherung aufgenommen. Nach intensiven Untersuchungen durch die Wissenschaft, Ärzteschaft und Politik wurde in der Schweiz festgestellt, dass die Homöopathie die gesetzlichen Anforderungen von Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit erfüllt. Ausgangspunkt für diese Entwicklung war eine Volksabstimmung im Jahr 2009, in der sich die Mehrheit der Schweizer für die Komplementärmedizin aussprach.

Aber nicht nur in der Schweiz, auch in Österreich zeigt eine aktuelle repräsentative Befragung, dass die Homöopathie so nachgefragt ist wie noch nie. Zwei von drei Österreichern haben im vergangenen Jahr ein homöopathisches Arzneimittel verwendet. 86 Prozent der Bevölkerung würden einem erkrankten Freund oder Familienmitglied eine geeignete homöopathische Therapie empfehlen. „Damit ist die Homöopathie bezüglich Anwendungshäufigkeit und Bekanntheit unter allen komplementärmedizinischen Heilmethoden auf Platz eins“, schreibt die österreichische Initiative Homöopathie verstehen auf ihrer Webseite.

„Die Bürger wollen eine Medizinwende – hin zur Integrativen Medizin“

Cornelia Bajic, Fachärztin für Allgemeinmedizin und 1. Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) möchte in Deutschland einen ähnlichen Prozess auf den Weg bringen wie in der Schweiz. „Die Zahlen zeigen, dass sich die Menschen in Deutschland der Homöopathie weiter zuwenden“, erklärt Bajic. Das Bewusstsein in der Bevölkerung habe sich in den vergangenen 10 Jahren in Schlüsselbereichen deutlich verändert: „Die Bürger wollen neben einer Energiewende, einer Mobilitäts- und Agrarwende auch eine Medizinwende in Deutschland. – Und zwar hin zur Intergrativen Medizin“, sagt Bajic. Die Bürger erwarten, so Bajic weiter, eine Medizin nach dem Vorbild der Schweiz.

Ärzteschaft fördert Pluralismus in der Medizin – und erhöht Anforderungen für die ärztliche Zusatzbezeichnung Homöopathie

Mit der Bestätigung der Zusatzbezeichnung Homöopathie auf dem 121. Deutschen Ärztetag im Mai 2018 in Erfurt wurde von den Ärzten ein klares Zeichen für Pluralismus in der Medizin gesetzt. Entgegen der Forderung von Homöopathie-Kritikern entschied die Ärzteschaft selbst, dass die Homöopathie nicht nur Teil der Musterweiterbildungsordnung (MWBO) für Ärzte bleibt, sondern erhöhte sogar die Anforderungen im Bereich der Kursweiterbildung um 80 Stunden.

Mit der Erhöhung der Weiterbildungszeit wurde die ärztliche Homöopathie auf dem Ärztetag 2018 letztlich gestärkt. Das verdeutlicht: Arzt zu sein und gleichzeitig die Homöopathie anzuwenden kann gut zusammen passen. Legt man in der Betrachtung der Studien die „drei Säulen der Evidenzbasierten Medizin“ zugrunde, so Bajic in der Ärztezeitung im Vorfeld des Deutschen Ärztetags, liege auch für die Homöopathie wissenschaftliche Evidenz vor.

Foto: Fachärztin Cornelia Bajic, 1. Vorsitzende des DZVhÄ, im mdr-Interview (Quelle: DZVhÄ)

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