Sozialwahl 2017 – Die BARMER und die Homöopathie

Sozialwahl 2017 – Die BARMER und die Homöopathie

Die gesetzliche Sozialversicherung in Deutschland organisiert sich nach dem Sozialgesetzbuch (SGB IV) in einer dem Staat gegenüber eigenständigen Verwaltung. Alle sechs Jahre stimmen Versicherte und Arbeitgeber ab, wie sich die Parlamente der gesetzlichen Sozialversicherungsträger (der Deutschen Rentenversicherung Bund und Saarland und der Ersatzkassen der gesetzlichen Krankenversicherung) zusammensetzen. Nach der Bundestagswahl und der Europawahl ist die Sozialwahl mit 51 Millionen Wahlberechtigten die drittgrößte Wahl in Deutschland.

BARMER wählt bis zum 4. Oktober

Bis zum 31. Mai 2017 wählten die Versicherten der Rentenversicherung und der meisten Ersatzkassen in einer Urwahl ihre Versichertenparlamente. Die Kandidaten traten ehrenamtlich in gemeinsamen Listen an. Die Zusammenstellung der Listen übernehmen Arbeitnehmervereinigungen mit sozial- und berufspolitischen Zielen oder Versicherte stellen Freie Listen auf. Andere Versicherungsträger wählten in sogenannten Friedenswahlen ohne eine öffentliche Wahlhandlung. Die Versicherten der Barmer nehmen in dieser Wahl eine besondere Position ein. Aufgrund der Fusion von BARMER-GEK und der Deutschen BKK zu Beginn des Jahres können sie noch bis zum 4. Oktober 2017 ihre Stimme abgeben.

Soziale Sicherheit in der pluralen Gesellschaft

Warum soll ich mich nun als Versicherte oder Versicherter der BARMER an der Wahl beteiligen? Die Erklärung ist einfach: Bei der Sozialwahl kandidieren Versicherte. Entscheidungen zum Thema Rente und Gesundheitsversorgung werden somit von Vertretern der Betroffenen selbst gefällt und liegen nicht in der Verantwortung der Politik allein. Die gewählten Vertreter kontrollieren zudem die Finanzen der Sozialversicherungsträger. Ihr Einfluss auf die Beitragsverwendung des Versicherungsträgers ist maßgebend. Die Mitgestaltung der sozialen Sicherheit sowie die eines fairen Sozialstaats ist ein Basiselement unserer demokratischen Gesellschaft – Wer diese Chance hat, sollte sie nutzen.

Die BARMER ist mit mehr als neun Millionen Versicherten Deutschlands zweitgrößte Krankenkasse und vereint die Interessen vieler. Im Rahmen von freiwilligen Leistungen erstattet sie alternative Therapiemöglichkeiten wie die Homöopathie. „Wir leben in einer pluralen Gesellschaft, die diese Behandlungsform wünscht. Ich bin dafür, dass wir in Verbindung mit der Schulmedizin diese Therapie über Ärzte mit einer Zusatzausbildung auch erbringen.“, so Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, im Focus-Interview. Als Krankenkasse wolle man den Lebensstil der Versicherten nicht verändern, sondern lediglich kritisch informieren.

Im Dialog mit den Kandidierenden

Das Internetportal sozialversicherung.watch, eine Initiative der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), bietet den Wählenden eine hilfreiche und informative Plattform im Entscheidungsprozess. Im direkten Dialog mit den zur Wahl stehenden Kandidaten der BARMER ver.di-Liste können alle Themengebiete nutzerfreundlich angesprochen werden. Die eingesendeten Fragen der Wähler werden öffentlich beantwortet und stehen anschließend auch anderen Interessierten zur Verfügung. Drei der ver.di-Kandidaten beantworteten Fragen zum Thema Homöopathie.

Ulrike Hauffe, BARMER ver.di-Spitzenkandidatin:

Frage: […] Die Homöopathie ist nicht evidenzbasiert, es gibt keinen Nachweis für ihre Wirksamkeit. Für mich ist es daher überhaupt nicht nachvollziehbar, warum in Anbetracht dieser Faktenlage meine Krankenkasse Barmer diese Maßnahmen finanziert. Für mich wäre es wichtig zu erfahren, ob ich bei diesem Thema von ver.di entsprechend vertreten werde und ver.di sich daher dafür einsetzt, dass Homöopathie und weitere Maßnahmen deren Wirksamkeit nicht wissenschaftlich nachweisbar sind, nicht mehr finanziert werden.

Antwort: Es gibt nach wie vor viele Therapieangebote im Gesundheitswesen, die nicht auf Grundlage randomisierter, kontrollierter Studien zur Anwendung kommen. Und diese Studien auf wissenschaftlich hohem Niveau sind die Basis für Aussagen über Evidenz. Ich würde mir sehr wünschen, es würde deutlicher gemacht, welche Aussagen auch über andere Therapieangebote auf welcher Studienbasis beruhen. […] Ich weiß um die derzeit fast erbittert geführte Debatte um die Homöopathie und ihre Finanzierung im GKV-System. Im Vergleich zu den gesamten Leistungsausgaben der BARMER liegen die Ausgaben für Homöopathie bei 0,01 %. Und: Die BARMER übernimmt keine Kosten für homöopathische Arzneimittel – außer die gesetzlich zugelassenen.

Frage: Seit Jahrzehnten mache ich mit Alternativmethoden aus der Naturheilkunde sehr gute Erfahrungen. Auch erstaunt es immer wieder, wie harmlos und gering etwaige Nebenwirkungen sind, selbst bei Homöopathie. […] Werden Sie sich auch für Alternativmethoden einsetzen, die ja in der Regel auch bedeutend preisgünstiger sind?

Antwort: […] Teuer ist unser Gesundheitswesen auch deshalb, weil – auf kurze Befindlichkeitsäußerungen von ratsuchenden Patientinnen und Patienten – schnell und gleich eine apparative oder medikamentöse Antwort gegeben wird. Ob sie immer sinnvoll ist? Wahrscheinlich nicht. Dieser von vielen Patientinnen und Patienten erlebte Umgang macht die alternativen Heilmethoden besonders attraktiv – auch wenn sie bisher nur wenig bis begrenzt wissenschaftlich belegt sind. […] Was mir wichtig ist: Wir müssen uns Strategien überlegen, wie wir diagnostische und therapeutische Gespräche besser bezahlen zulasten der Apparate- und Medikamente-Medizin. Ich bin überzeugt, dass dann viele Behandlungen überflüssig würden, die Selbstheilungskräfte der Patientinnen und Patienten stärker wirksam werden können und der Naturheilkunde ein anderer Stellenwert – auch in der Forschung – zukommen würde.

Frage: Mehr Menschen interessieren sich für die alternative Medizin und möchten diese auch über die Krankenkasse finanziert bekommen. Inwieweit wird dies bereits in den Leistungen berücksichtigt und was ist für die Zukunft vorgesehen?

Antwort: Ja, Sie haben recht. Immer mehr Menschen interessieren sich für alternative Heilmethoden. […] Problem bleibt, dass nach wie die Nachweisbarkeit der Wirkung alternativer Heilmethoden, also die Evidenz der Methoden, schwer bewiesen werden kann. Gerade laufen heftige Debatten zum Thema Homöopathie. Aber wir müssen uns schon fragen, ob nur wirksam sein darf, was biologisch nachweislich wirkt, oder ob nicht auch die erfahrungswissenschaftlichen Erkenntnisse Bedeutung haben dürfen.

Frage: Werden Sie sich für die Übernahme von naturheilkundlichen Arzneimitteln einsetzen? Diese sind viel günstiger und haben keine Nebenwirkungen. Wenn Sie sich dafür einsetzen wollen, wie werden Sie das tun?

Antwort: Der Begriff „naturheilkundliche Arzneimittel“ erfasst Arzneimittel verschiedener Therapierichtungen. Darunter beispielsweise die der Anthroposophie, Homöopathie, aber auch pflanzliche Arzneimittel. […] Die Kosten für verschreibungspflichtige Arzneimittel, ob pflanzlich, homöopathisch oder anthroposophisch, werden in der Regel übernommen. Insofern ist eine Kostenübernahme solcher Arzneimittel in der Gesetzlichen Krankenversicherung geregelt und keinesfalls ausgeschlossen. Aber einen Trugschluss lassen Sie mich bitte aufräumen: Naturheilkundliche Mittel haben eine Wirkung – und wo eine Wirkung, da auch eine Nebenwirkung.

UtaTreuter, BARMER ver.di-Listenplatz 3:

Frage: Bitte setzen Sie sich für die Übernahme von naturheilkundlichen Arzneimitteln ein, diese sind viel günstiger und haben keine Nebenwirkungen. Wenn Sie sich dafür einsetzen wollen, wie werden Sie das tun?

Antwort: Ich gebe Ihnen Recht, dass Arzneimittel auf naturheilkundlicher Basis preiswerter sind und auch bei den Nebenwirkungen, weniger Probleme bereiten. Was würde ich tun? Ich möchte weiterhin im Verwaltungsrat mitarbeiten und diese Themen auch dort mit einbringen, das geht natürlich nicht im Alleingang. […]

Klaus Dollmann, BARMER ver.di-Listenplatz 10:

Frage: Welchen Kandidaten muss ich wählen, der sich dafür einsetzt, dass esoterische Behandlungsmethoden, wie die Homöopathie, nicht weiter unterstützt werden?

Antwort: Ich bin gegenüber homöopathischen Behandlungsmethoden sehr offen und wenn das für Sie der entscheidende Punkt ist, dürften Sie mich nicht wählen, auch wenn wir dazu in der Gewerkschaftsfraktion keine einheitliche Meinung haben. Das hat sicher mit meiner eigenen Geschichte zu tun. […] Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich nicht nur an die Pharmaindustrie und Apparatemedizin glaube, sondern der Meinung bin, dass wir auch den Mensch als Ganzes sehen müssen.

Lesen Sie die vollständigen Fragen und Antworten hier.

Weitere Listen zum Thema Homöopathie

Neben den Kandidierenden der ver.di äußert sich im Rahmen der Sozialwahl zudem die BfA DRV-Gemeinschaft zum Thema Homöopathie: „Unsere Vertreter in den Selbstverwaltungen der GKV haben beschlossen, Regelungen zur Homöopathischen Behandlungen zuzustimmen, wenn diese über einen ausgebildeten Arzt verordnet werden.“

Ausführliche Informationen zur Sozialwahl 2017: www.sozialwahl.de

Foto: Pixabay

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