Familienmedizin: „Der homöopathische Arzt kennt die Familienmitglieder sehr genau“

Familienmedizin: „Der homöopathische Arzt kennt die Familienmitglieder sehr genau“

Frau Dr. Diez, welche Möglichkeiten eröffnet die homöopathische Familienmedizin, – also die Langzeitbeobachtung von Familien unter homöopathischer Behandlung?

Die kontinuierliche Betreuung durch homöopathische Familienmedizin ist ein Vorteil für die Patienten. Der homöopathische Arzt kennt die Krankengeschichte der Familienmitglieder sehr genau. Auch durch die in der Homöopathie obligatorische Erstanamnese. Probleme und Hintergründe müssen nicht immer wieder neu erfragt werden, sondern dienen dauerhaft der ärztlich-homöopathischen Therapie und der Wahl des Arzneimittels, auch bei akuten Erkrankungen.

Es ist nützlich, die Risikofaktoren der Familien gut zu kennen. Wenn mir bekannt ist, dass der Patient aus einer Familie mit zahlreichen destruktiven Erkrankungen kommt, werde ich ihn beispielsweise bei einer akuten Erkrankung genauer im Auge behalten.


Susanne Diez Familienmedizin HomöopathieDr. Susanne Diez ist Ärztin für Allgemeinmedizin, Homöopathie und Psychotherapie. Seit 1984 behandelt sie Patienten in eigener Praxis in Wien. Sie ist seit über zwanzig Jahren Lehrbeauftragte der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin (ÖGHM).


Was haben Familienstruktur und -situation konkret mit der Gesundheit des Patienten zu tun?

Sehr viel. Intakte Beziehungsstrukturen – also empathische Beziehungen – sind wichtig für die Gesundheit der Patienten. Dort sollten Emotionen, Gesprächskultur und Konfliktfähigkeit ihren festen Platz haben. Das ist mit Sicherheit ein Resilienzfaktor.

Insbesondere bei Kindern spielt der Wechsel von Beziehungspersonen eine große Rolle und stellt einen Risikofaktor dar, der ganz konkret zu gesundheitlichen Einschränkungen führen kann. Sie erkranken dann beispielsweise psychisch und zeigen Verhaltensstörungen oder Schlaflosigkeit. Auch Schulschwierigkeiten treten häufig auf. Andere Kinder erkranken somatisch, haben ständige Infekte, die auch schwer zu behandeln sein können. Grundsätzlich sind die Reaktionen jedoch individuell, jeder hat sein Spektrum, mit dem er auf Störungen der familiären Beziehungen reagiert.

Ganz wichtig sind auch die Beziehungen der Kinder im Kindergarten oder in der Schule. Hier können sich Beziehungsprobleme – auch mit anderen Kindern – ebenso stark auf die Gesundheit auswirken. Ablehnung und Leistungsdruck sind da zentrale Faktoren. Erkrankungen, die aus solchen Beziehungsproblemen resultieren, lassen sich gut klassisch-homöopathisch behandeln. Neben homöopathischen Arzneimitteln hat dabei das kontinuierlich begleitende Gespräch eine wichtige Bedeutung bei der Bewältigung solcher Probleme.

Was sind sogenannte Miasmen, und welche Rolle spielen sie in der homöopathischen Familienmedizin?

Miasmen sind angeborene und erworbene Krankheitsbelastungen, die die Krankheitsbereitschaft und die Empfindlichkeit zu erkranken beeinflussen. Die Weitergabe erfolgt genetisch und besonders auch epigenetisch. (Anm. d. Red.: Epigenetik ist die Lehre von der Steuerung der Gene, sie untersucht jene Änderungen der Genfunktion, die nicht auf Mutation beruhen und dennoch an Tochterzellen weitergegeben werden.) Es wurde ja lange geleugnet, dass Faktoren, die nicht genetisch sind, ebenfalls weitervererbt werden können. In der Epigenetik ist dieser Prozess dagegen gut dokumentiert.

Die Gene können wir homöopathisch nicht beeinflussen, sehr wohl beeinflussen wir aber – und ich denke das ist ein großes Gebiet für die Homöopathie – die Epigenetik, also das Ein- und Ausschalten der Gene. Es ist heute belegt, dass Vererbung auch epigenetisch geschieht. Bei Krankheiten von Vorfahren kann die Bereitschaft zu diesen Krankheiten oder Reaktionsmustern an Folgegenerationen weitervererbt werden. Die Miasmenlehre, die Samuel Hahnemann als Begründer der Homöopathie aufgestellt hat, sagt ganz Ähnliches. Hat ein Mensch beispielsweise Syphillis gehabt, wird die Empfindlichkeit für destruktive Erkrankungen auch an kommende Generationen weitervererbt. – Das ist auch in der konventionellen Medizin teilweise bekannt. Kurz gesagt werden Krankheitsbereitschaft und -empfindlichkeit des Organismus weitergegeben. Das bezieht sich zum einen auf organische Krankheiten und zum anderen auf psychische Reaktionsweisen. Ein nicht verarbeitetes Trauma kann auf diesem Weg in den nachfolgenden Generationen posttraumatische Belastungsstörungen verursachen.

Was sind für Sie besondere Herausforderungen in der homöopathischen Familienmedizin?

Die größte Herausforderung in der homöopathischen Familienmedizin ist für mich, jeweils unparteiisch zu sein. Es kommt öfter vor, dass sich Mann und Frau einer Scheidungsfamilie gerade in einem „Rosenkrieg“ befinden – und beide kommen zu mir, weil ich beide schon seit Jahren behandle. Da höre ich Konflikte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Auch in der Familienmedizin gilt dabei das Gebot der absoluten Verschwiegenheit. Es wird dem Einen nichts über das Gespräch mit dem Anderen erzählt. Und es geht nicht um ‚Schuldzuweisungen‘. Wichtig ist, dass jedes Familienmitglied nach wie vor in erster Linie als Individuum in seiner individuellen Situation betrachtet wird. Das jeweils anwesende Familienmitglied steht im Mittelpunkt.

Warum entscheiden sich Ihre Patienten für die Homöopathie als Begleitung zum Erhalt der Familiengesundheit?

Die Patienten kommen meist nicht zu mir wegen einer homöopathischen Begleitung für ihre Familie. Sie wollen zunächst für sich selbst eine homöopathische Behandlung. Die Begleitung der Familie ist oft eine Folgeerscheinung: Beispielsweise kommt eine Mutter mit ihrem Kind in die homöopathische Arztpraxis, um es behandeln zu lassen. Die homöopathische Erstanamnese beinhaltet dann bereits viele Faktoren aus der Familie. Anschließend passiert es, dass sich die Mutter selbst mit dem Wunsch einer homöopathischen Behandlung an mich wendet. Und bei positiven Verläufen ist es nicht selten, dass sich auch der Vater für meine Praxis entscheidet. Bei über 30 Jahren praktischer Tätigkeit als homöopathische Ärztin bleibt es dann nicht aus, dass über die Zeit die ganze Familie in die Praxis kommt – inklusive der Enkelkinder. Auch viele Kinder, die ich behandelt habe, kommen später mit ihren eigenen Kindern wieder. So wird die Homöopathie zur Familienmedizin. Das Vertrauen in den Arzt und die Wirksamkeit der Homöopathie sind dafür verantwortlich. Die positiven Erfahrungen der einzelnen Familienmitglieder mit der Homöopathie führen dazu, dass sie zur Familienmedizin wird.

Hat das auch mit Entwicklungen in der konventionellen Medizin zu tun?

Ja. Denn die Homöopathie schließt auch eine Gesprächslücke, die früher von Hausärzten besser gefüllt werden konnte. Die Menschen sind auch zunehmend dafür sensibilisiert, dass die konventionelle Medizin Nebenwirkungen hat, die sie nicht wollen. Sie sehen heute deutlicher den Zusammenhang von körperlichen Beschwerden und seelischen Problemen. Insgesamt steigt das Bewusstsein, nicht mehr ‚mit Kanonen auf Spatzen zu schießen‘. Sie hinterfragen das viel mehr als früher. Gleichzeitig sind die Patienten heute über die Homöopathie besser informiert, was die Aufklärungsarbeit erleichtert.

Was ist Ihre Motivation, sich seit Jahrzehnten mit homöopathischer Familienmedizin zu befassen?

Ich habe mich der Homöopathie zugewandt, weil mich ein technischer Zugang zum Menschen, wie er in der konventionellen Medizin gewählt wird, nicht interessiert hat. Der Zugang zum Menschen in allen seinen Facetten, in seiner Tiefe und gelegentlich auch in seiner Oberflächlichkeit, der Blick auf den gesamten menschlichen Organismus und die Lebendigkeit haben mich zur Homöopathie gebracht. Kein Patient und keine Familie ist so wie die andere. Es wird einem nie langweilig dabei, und man begegnet dem Leben in seiner bunten Vielfalt. Patienten, die die Homöopathie über längere Zeit nutzen, erkennen, dass sie auch eine Art ‚Achtsamkeitstherapie‘ ist, die ihnen und ihren Familien gut tut.

Wichtig ist mir auch, dass die Begriffe Krankheit und Gesundheit in der ärztlichen Homöopathie anders aufgefasst werden: Die Krankheit ist nicht ‚etwas Böses‘, das es unbedingt zu entfernen gilt. Krankheit ist vielmehr eine Möglichkeit des Organismus, auf ein Problem zu antworten – eine Sprache des Körpers, die es zu verstehen gilt. Einer meiner Grundsätze lautet zum Beispiel: aus der Wunde das Wunder zu bergen. Welche Chance liegt in der Erkrankung? Der wertschätzende Umgang mit Krankheit in der Homöopathie ist eine große Stärke. Das Schöne an der Homöopathie ist zum einen die empathische Begleitung des Patienten. Zum anderen kann ich dem Patienten direkt mit einer wirksamen Arznei antworten.

Was tun Sie persönlich, um sich und Ihre Familie im Gleichgewicht zu halten?

Ich beachte Ruhepausen. Und ich betrachte Empathie, Emotionalität und Gesprächs- und Konfliktkultur als sehr förderlich für die Gesundheit. Anders herum gesagt ist ein Mangel an Empathie ganz klar gesundheitsschädigend. Mitfühlend zu verstehen, sich auf den Anderen einzulassen und gegenseitige Wertschätzung sind wichtige Grundlagen für das persönliche und familiäre Gleichgewicht.

Foto: Istockphoto

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